Meine (Theorie von der) Existenzialpraxis (und ihrer Umsetzung) versucht:

Respekt vor den Individuen. Ernstnehmen der strukturellen Situationen. Ernstnehmen auch der unberechtigten Strukturen als existent und wirksam. Bewusstes (politisches und lebensphilosophisches) Nicht-ernst-nehmen der strukturellen und persönlichen unvernünftigen Forderungen/Anmaßungen und Zustände: Nicht-ernst-nehmen im Sinne eines Nichtakzeptierens (maximal notgedrungen und temporär Duldens), ein ethisch-vernunftbasiertes Nicht-Anerkennen von unvernünftigen Ansprüchen, insbesondere strukturellen und persönlichen Herrschaftsverhältnissen.

Z.B. Heterotopie oder Universalismus

Vermutung: Der Katholizismus weist einen hohen Anteil an ‘realistischer’ Weltinterpretation auf. Prämisse: Nicht zu viel erwarten, Glück im Kleinen und unter dem Radar etc. suchen. Das Unvermeidliche unvermeidlich sein lassen und sein lebendiges Leben woanders suchen.
Der Protestantismus glaubt an das Ideal – an sich und dann aber an ein konkretes. Hier vielleicht zuerst an das konkrete Ideal, und damit als Folge auch an die Möglichkeit der Realität/Anstrebbarkeit eines Ideals an sich. Oder umgekehrt an das Ideal als solches – hier verbildlicht im Religiösen -, und daraus gefolgert auch an konkrete Ideale, wie die konsequente Befolgung von (hier: göttlichen, religiösen) Ordnungs-Vorstellungen. (U.a. der Ordoliberalismus könnte eine säkulare Variante davon sein. Aber auch die Idee des Rechts an sich ist zunächst ein kontrafaktisches Ideal.)

Die Mitte ist kein Wert an sich. Werte an sich sind kein Wert an sich.
Die Mitte kann, mindestens formal, ebenso unausgewogen sein wie andere bildliche Orte. Auch in der Mitte können verschiedene Definitionen von extrem auftreten. Extrem sein ist, zumindest definiert als kreative und originelle Abweichung von einer statistisch-arithmetischen Mitte, ein Teil der Kunst – welche wiederum ein Teil des Lebens ist. Auch das Extreme, definiert als gesteigerte Einseitigkeit bzw. fehlender (mehr oder weniger tiefer) Pluralismus, gibt es auch in der Mitte. Mit weniger negativen Folgen als in weniger gemittelten Orten in der Phänomenskala? Vielleicht. Aber die inhaltlich-konkret-praktisch (oder gerade die theoretische?) grundlegende Grenze verläuft aus Sicht der Vernunft immer primär zwischen Autoritarismen und non-autoritären Sinn- und Handlungs-Ausrichtungen und den praktischen Versuchen von deren Umsetzung.

Kollektiv und Handeln

Kann mensch eine Katholikin, oder ein bibelbezogener Christ, sein, ohne an die Erbsünde zu glauben?*
Das ist eine spirituelle, aber auch eine metaphorische Frage. Z.B. bezüglich Kollektiven. Wer an Kollektivkonstruktionen (generell und an konkrete Fälle) glaubt. Muss der auch an rational logische Konsequenzen dieses eventuellen Irrationalismus (bzw. irrationale Folgen der [aus rationalistischer Sicht a priori vielleicht neutralen] Konstruktion) glauben? Konsequenzen oder Folgen wie Kollektivschuld und Kollektivhandeln. Ich vermute ja (ja).

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* Im Katholizismus sind die Sünde und Demut wichtige Elemente des Glaubens, die Bibel spielt meistens eine Nebenrolle. Im bibelbezogenen Christentum wird zunächst nur nachgeschlagen – und von Erbsünde steht da erst mal nichts. Teilweise wird dann aber, was die Erbsünde angeht, reininterpretiert.

Vernunft als Begründung der Lebenspraxis, nicht Konformismus

Konformismus als Lebenshaltung ist sinnlos, wenn auch oftmals oberflächlichen Erfolg versprechend. Aktiv oder freiwillig konform sollte mensch erst dann sein, wenn die Konformität ihren autoritären Charakter verloren hat. Also wenn sie nicht mehr das ist, was sie heute zum Lebensvielfalts-Entzieher macht. Hier ist auch wichtig, dass mensch unterscheidet zwischen:
– dem Einhalten von Konventionen – um den Alltag zu erleichtern, und
– der Konformität als Unterordnung unter alles mit genügend Stärke und Herrschaftsanspruch Auftretende. Das widerstandslose Hinnehmen ungerechtfertigter Strukturen und persönlicher Machtansprüche in verschiedenen Ausmaßen.

Konformismus gibt es in real existierenden Gesellschaften als Erscheinungsform immer – aber vielleicht mit verschiedenen Ausmaßen. Empirisch definitiv mit verschiedenen Folgen -> Konformität mit verschiedenen Inhalten hat verschiedene Folgen (z.B. Konformität in Diktaturen ist anders als in relativen Demokratien etc.). Aber die Konformität selbst ist eben auch an sich eine lebendigkeitsverneinende, auf Kopie und Einordnung setzende Lebenspraxis, die (weil kein Akteur: metaphorisch formuliert:) versucht, ihren Lebensstil auf unbeteiligte Dritte auszuweiten und durch autoritäre Gehorsamkeits- und Unterwerfungsstrukturen durchzusetzen.

Wir können nicht immer und gegen alle Ungerechtigkeiten der Welt ankämpfen, das erwartet auch keiner von uns. Aber mensch muss sich, wenn die Vernunft eine Rolle im Leben spielen soll, die grundsätzliche (und ernsthafte, also auch immer wieder praktizierte) Fähigkeit und Praxis des Anders-Handelns (für sich und als Solidarität mit anderen nicht-konformen Lebenswegen und Lebendigkeitsbejahungen) und des Einsetzens für Andere entgegen den Konformismus erhalten. Sonst ist das Leben nichtexistenzial.

Rational approaches and the sociological sphere(s) of life

A constitutional-economic (sober and law-idea-based) organisation of (the) non-personal structures and organisations with an openly accessible basic framework (regarding the effective/actual formal and informal institutions, rules and atmosphere) could be both the most effective and efficient way (at least a legal-egalitarian and productive one) – if sociological factors wouldn’t intervene and change the procedures and fields of force to an often structurally changing extent.
From which we could conclude, for example:
a) Separation of the rational and the sociological. a1) E.g. according to a rational analysis and classification – as some (classical) liberal approaches to life propose.
b) Integration of both. Like for example, in political-systemical structurations, corporatism integrates some rationalist aspects, at least regarding the aggregate (not individual or legal equality-) effectiveness of output, into a sociological “whole” or “organism” metaphor.

Camus und Nicht-Kapitulation

Ein existenzialphilosophischer Weg (theoretisch basiert und praktiziert) ist ein gedachtes und praktizertes Nicht-Vollständig-Hinnehmen des Systemischen und Strukturellen, was faktisch ist (teils materiell und teils konstruiert). Die Revolte gegen eine autoritäre Lesart des Gewichts der Strukturen und Systeme (Camus), z.B. auch als Subversion oder Umgehung durch bewusste aber unvollständige “Kapitulation” (Tocotronic). Die Kapitulation als Anfang eines nicht (mehr) Akzeptierens, dass es nur diese eine Möglichkeit gibt: Freiwillig folgen oder weggefegt werden. Nein, das “Spiel” bzw. die Möglichkeiten erweitern. Z.B. durch bewusste, aber fröhlich-nichternste Kapitulation den unausweichlichen Ernst/Autorität der “einen Möglichkeit” konterkarieren, in Frage stellen, nicht mehr als einziges ernst nehmen. Kapitulation damit als Anfang. Bzw. als subjektiv emotionale Selbstverteidigung, um Kraft zu haben für eine Revolte.

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