Christlicher Glaube und/oder Säkularreligion?

Aus der Reihe: Spekulationen über die Etablierungen einer möglichen Postmoderne

Wird der in Europa (relativ) lange gesamtgesellschaftlich etablierte christliche Glaube (in einer Zeitenänderung zur z.B. so verbegrifflichten ‚Postmoderne‘) durch eine säkulare Religion ersetzt werden?

Mitte der 1970er-Jahre gab es einmal wieder eine soziale Welle von neu aufgelegten und interpretierten radikalen (kritischen und subjektiv an der Wurzel suchenden oder „wissenden“) linken Theorien. Diese wurden teilweise auf das Christentum übertragen und als konkret-politische Ansprüche mit dem Christentum verbunden. Auch damals gab es bereits eine Debatte über die Zukunftsaussichten der christlichen Kirchen gegenüber einer säkularen bzw. auf die weltliche „Erlösung“ ausgerichtet politisierenden oder ideologisch geformten „Säkularreligion“.

Würden die etablierten Kirchen durch die Neuetablierung einer (mehr oder weniger inhaltlich geschlossenen) Säkularreligion ersetzt werden? Oder wäre das Christentum – als bereits „erfahrene“, bzw. ausstrukturierte gesamtgesellschaftliche [also nicht von jedem geteilte, aber als fester Teil des Gesamten etablierte] Institution – ein passender (funktionaler und funktionierender etc.) formgebender Träger einer neuen Religion? Das Christentum (der Moderne) also als Vorgänger, dessen Rituale, Symbole und Traditionsabläufe von einer neuen Religion (der Postmoderne) übernommen werden (könnten)?

Kardinal Franz König war aus Sicht der christlichen Kirchen optimistisch, dass die Politisierung und Verweltlichung des Christentums ein geschichtlich immer wieder zu beobachtender Pendelausschlag in eine Richtung sei, der wieder zurückgehen werde.
Der Soziologe Helmut Schelsky wiederum war hier bezogen auf das Christentum und seine Kirchen pessimistischer und ging eher von einer Ablösung der christlichen Jenseits-Religion durch eine sozialaktivistische Diesseits-(Ersatz-)Religion aus. Schauen wir uns in Auszügen noch einmal die Positionen der beiden genannten Persönlichkeiten an. Obwohl sie über 30 Jahre alt sind, können sie uns vielleicht trotzdem oder gerade aus der zeitlichen Distanz etwas über den heutigen Zustand bzw. Stand der Entwicklung bei diesem Thema sagen:

Kardinal König, langjähriger Erzbischof im schönen Wien schrieb 1974:
Der Mensch hat ein religiöses Bedürfnis, einen religiösen Durst, der gestillt werden will. Eine religionslose Religion, ein religionsloses Christentum, ein total des Geheimnisses entkleideter Glaube kann das nicht. Eine pluralistisch aufgefächerte, ethisch unverbindliche Religion, die sich in sozialen Aktivitäten erschöpft, wird nicht gefragt, wird nicht gebraucht und hat keine Chancen… Das Pendel schlägt aus, einmal nach links, einmal nach rechts. Die Welle rollt vor und rollt zurück… Das Pendel wird wieder zurückschlagen, die Welle wieder zurückrollen. Nach einiger Zeit der Freizügigkeit wird wieder eine Zeit der Ordnung, nach einer Zeit der Selbstbestimmung eine Zeit der gesetzten Ordnung kommen. Dem Rationalismus wird die Mystik folgen, der Eigengesetzlichkeit die Norm.

Was allgemein für eine Wellenannahme in menschlicher Kultur spricht ist z.B.: In der Geschichte der Menschheit gab es schon etliche Phasenwechsel von freizügigeren, libertineren und zurückhaltenderen und eher (zumindest öffentlich) zugeknöpfteren Zeiten. Auch gab es in der Geschichte Phasen der in der Gesellschaft/im Volke weit verbreiteten Spiritualität und auch wieder Phasen der betonten Weltgewandtheit bzw. weniger starken Religionsaktivität. Trifft aber diese Wellentheorie bzw. Annahme auf die Entwicklung der christlichen Kirchen in Europa seit dem 19. Jahrhundert zu?

Helmut Schelsky, Soziologe meinte 1975 dazu:
Die Hoffnung des Kardinals König wie die vieler traditioneller Christen, daß die Welle des “Rationalismus“ und der politischen Indoktrinierung der christlichen Kirchen wieder „zurückrollen“ werde, diese ’Wellentheorie’ setzt auf geschichtlich efahrene zeitliche Schwankungen zwischen einer gefühlsbetont-spekulativen Gläubigkeit und einer rational-tätigen Glaubensform innerhalb des Christentums, sieht aber nicht, daß die neuen sozialen Glaubenslehren die religiösen Bedürfnisse des Menschen genauso umfunktionieren und im geschichtlichen Einschnitt verändern, wie einst die Entstehung der Heilsreligionen die Naturreligionen aufgehoben haben. Um im Bilde der Strömungen zu bleiben: Die Wasser des Christentums wogen nicht wellenförmig zurück, sie fließen ab. Selbstverständlich werden die neuen sozialen Heilslehren in ihren “Bekehrungen“ für bestimmte Gruppen an den Resten von Altgläubigkeit anknüpfen, und noch selbstverständlicher werden sie die alten Institutionsformen mit ihrer neuen Aktivität erfüllen. Im übrigen aber ist das Angebot zwischen “rationaler“ und “mystischer“ Glaubensform längst innerhalb der sozialen Heilslehren selbst vorhanden.

Dies würde eine religiöse Religion vielleicht für große Massen unnötig bzw. ersetzbar machen. Was für diese Möglichkeit sprechen könnte, wären die seit langem steigenden Abwanderungssalden der beiden christlichen Volkskirchen (katholische Kirche und die evangelischen Landeskirchen) und die deutliche Abnahme der aktiven Religionsausübung in Deutschland seit vielen Jahrzehnten.

Schelsky weiter:
Die einzige Form religiöser Bedürfnisbefriedigung, in der die traditionellen christlichen Kirchen für breite Massen noch anziehender sind als die intellektualistische Sozialreligion, liegt in der Erfüllung des menschlichen nach ritualisiert-symbolischer Selbstdarstellung, wenigstens in den anthropologisch-sozialen Grundgeschehnissen des Lebens: Geburt, Erwachsenenreife, Hochzeit und Tod; verstünde die neue Sozialreligion, den Massen ein für sie verständliches und annehmbares symbolisches Ritual der natürlichen Lebenshöhepunkte anzubieten,…

Wie es zum Beispiel mit der Jugendweihe in der DDR durchaus nicht unerfolgreich versucht wurde

…so würde sie die Austrittsbewegung aus den christlichen Kirchen in ungeahnter Weise beschleunigen…

So die zwei Annahmen von Kardinal König und Helmut Schelsky zur Entwicklung von sozialer Säkularreligion und christlicher Religion/Kirchen von Mitte der 1970er-Jahre. Wie hat es sich tatsächlich nun entwickelt in den seitdem vergangenen 34 Jahren? Eine aus philosophischer, soziologischer und psychologischer Sicht interessante Fragestellung.

___

Quelle für Zitate von Kardinal König und Helmut Schelsky: Helmut Schelsky: „Die Arbeit tun die anderen“, Westdeutscher Verlag, 2. Auflage 1975

Mit Tag(s) versehen: , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: