Sokratische Demographie-Gelassenheit ist möglich

Zumindest solange es kein zu starkes Bevölkerungswachstum gibt.

Einen richtigen (folgenreichen) Youth Bulge wollen wohl eher wenige. Einen massiven Jugendzuwachs mit ideologischen oder wirtschaftlichen Begründungen zu fordern, was es in anderen geschichtlichen Zeiten immer wieder gegeben hat, passt meiner Einschätzung nach nicht in den Geist und die Sozialstruktur der Zeit.

Aber (kurz und vereinfacht dargestellt): Viele Menschen befürchten, dass sich die sozialen Sicherungssysteme (besonders des u.a. in Deutschland etablierten “konservativen“ Wohlfahrtsmodells*) bei einer „umgekehrten“/stark veränderten Alterspyramide nicht mehr finanzieren ließen. Außerdem wird von manchem angenommen oder befürchtet, dass die Arbeits- und Wirtschaftsleistung einer alternden („überalterten“) Gesellschaft (Gegenwart oder Zukunft?) nicht dauerhaft auf dem heutigen Niveau des Anspruchs-Erwerbs bleiben könne. Der praktisch umgesetzte (ausbezahlte) Anspruch der ehemaligen EinzahlerInnen (aus deren damaliger Sicht: Zukunft) muss ja immer jeweils durch heute (Gegenwart) stattfindende Arbeit ermöglicht werden. Finanziert werden kann diese gesellschaftliche Rückzahlung der erworbenen Ansprüche auch durch neue Schulden (Verlagerung in die Zukunft). Aber die praktischen Leistungen (Lebensmittelproduktion, Obdach, Pflege, Dienstleistungen, etc.) werden immer im Hier und Jetzt geleistet – oder eben nicht.

Verschuldung im „privaten“/wirtschaftlichen Sektor ist dabei Gegenleistungsschuld von Wirtschaftssubjekten gegenüber Wirtschaftssubjekten. So lange die Dynamik von Schuld → Zurückbezahlung → und wieder neuen Schuld gegen Rückerwirtschaftung-Verträgen läuft ist das der fortdauernde Ablauf der Eigentumswirtschaft.

Eine immer weiter ausgebaute Verschuldung des Staates (als Nicht-Wirtschaftssubjekt und als Garant der öffentlichen Sozialsysteme) könnte jedoch – je nach weiterer Entwicklung – ein Problem für die mittelfristigen** Rentenzahlungen und eventuell die gesamte Aufrechterhaltung der grundlegenden öffentlichen Sozialsysteme werden.

Zitat:
Jeremy Grantham: 

Grenzen der Verschuldung

Grantham erinnert auch an eine meist vergessene volkswirtschaftliche Sicherheit. Der einzige Weg, wie Renten gezahlt werden können, ist aus dem laufend produzierten Bruttoinlandprodukt. Man kann zwar Kapital durch die Zeit bewegen, nicht aber Ressourcen für den Konsum. Als Altersversorgung akkumuliertes Kapital verändert zwar die «Hackordnung» der Ansprüche, ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie nur durch das laufende Bruttoinlandprodukt befriedigt werden können.

(…)

Quelle für auszugsweises Zitat: NZZ Online

Ob hier steigende Kinderzahlen allerdings helfen würden, bzw. ausschlaggebend sind, ist fraglich:
Steigende Kinderzahlen hieße neue Dynamik im wirtschaftlichen Leben, sagen die einen. Viele Kinder bzw. deren soziale Integration würden eine zusätzliche große Herausforderung für die Gesellschaft bedeuten, sagen die anderen. Die soziale Entwicklung zu einer Gesellschaft mit wenigen Kindern, die (auch dadurch) gut mit sozialen Positionen und Möglichkeiten versorgt werden könnten, sei grundsätzlich eher eine gute Entwicklung. Eine künstlich (mit politischen Maßnahmen) erzeugte Umkehr davon sei nicht anzuraten, so die Vertreter dieser Einschätzung.

Dies entspricht der Vermutung von der Selbstregulierung von sozialen Gemeinschaften und der strukturistischen [eigener Begriff des Autors] Einschätzung, dass Anpassung an vorliegende soziale Entwicklungen besser sei als künstliche Gesellschaftsänderungs-Versuche. Die Anhänger der Sozialen Selbstregulierung sehen das Thema weniger pessimistisch. Sie erkennen zwar das individuelle und gesellschaftliche Älterwerden als Herausforderung an, betonen dabei aber eher die positiven Seiten und schätzen (durch eine [eher] optimistisch-dynamische Annahme) die Probleme als sozial und wirtschaftlich verarbeitbar ein. So z.B. der Statistiker Gerd Bosbach oder der Soziologe Karl-Otto Hondrich (hier sekundär in einer Rezension der interessanten Internet-Seite single-generation.de).

Staatlich verordnet wird das Kinder-Bekommen hoffentlich auch in heutiger Zukunft nicht. Gefördert werden Familien heute schon. Im Sinne der Sozialpolitik ist dies auch möglich und strukturkonform. Negative Sanktionen gegenüber freiwillig oder unfreiwillig Kinderlosen (z.B. Kürzung der Staatsrente für Menschen ohne Nachwuchs etc.) könnte es geben – es wäre technisch umsetzbar und es gäbe auch gruppensubjektive politische und gesellschaftliche Präferenzen/Prioritätssetzungen, die dieses verursachen oder begründen könnten. Vorschläge in diese Richtung gab und gibt es immer wieder.

Eine solche staats-institutionalisierte Bestrafung von Kinderlosigkeit wäre allerdings meiner Meinung nach sozialstrukturell, sozialdynamisch, (rechts- und moral-)kulturell und wirtschaftlich unangebracht, unnötig und rechtsstaatlich sitten- und philosophie-widrig.

Kinder haben ist für Kinderwillige ein Segen. Kinderreichtum kann für kleine Gruppen (z.B. für Großfamilien auf dem Lande) durchaus lebenspraktisch schön sein. Meiner derzeitigen Einschätzung nach ist der mögliche persönliche Reichtum (Glück, Sinn, Gemeinschaft, etc.) durch Kinder also keine Frage der Quantität. Mit wie vielen Kindern man glücklich werden möchte, ist in „heutigen Zeiten“ bzw. in auf abstraktem Recht basierenden Großgesellschaften von Rechts und Kultur wegen (derzeit zumindest noch) freigestellt.

Für Alarmismus bezüglich Kinderarmut (z.B. wegen drohender Armut durch Kinderarmut) ist es entweder zu spät oder er ist unnötig. Diese an Sokrates anlehnende („Ich weiß, dass ich nichts weiß“) Einsicht könnte den (u.a.) von abstrakten Zukunftsängsten geplagten Menschen ein wenig mehr Gelassenheit geben. Es sollte und muss wohl – egal welcher Philosophie man anhängt – auch nicht mit wirtschaftlichen Kausalannahmen (Mehr Kinder, mehr Wachstum) gerechnet werden. Kinder für den Aufschwung sollte also nicht das Motto einer Gesellschaft sein.

Die soziale Auswirkung von „zu vielen“ Kindern jedoch ist mit gewisser Wahrscheinlichkeit vor allem eine Frage der (vermutlich relativen) Zahlen(verhältnisse). Aber auch hier ist Europa und „der Westen“, aber auch allgemein die Welt im mittelfristigen Trend zu weniger Bevölkerungswachstum nicht unbedingt auf dem falschen Weg.

Aber auch wenn die Geburtenzahlen statistisch von z.B. rund 1,3 auf (die zahlenmäßig bestandserhaltende Geburtenrate von) 2,1 Kindern pro Frau „hochschnellen“ würden , wäre wohl noch alles im sozialdynamischen Griff. Wenn die Geburtenentwicklung nach oben keine übertriebenen (→ also nicht zu Youth Bulges führenden) Ausmaße annimmt, kommt wahrscheinlich (auch) eine komplexe moderne Gesellschaft ohne größere Verwerfungen und Destabilisierungen/Unruhen damit klar. Der Selbstorganisationsfähigkeit sozialer Systeme und menschlicher Gruppen ist dabei der geschichtlichen Erfahrung nach durchaus einiges zuzutrauen. Gesellschaften haben eine Tendenz zur Stabilisierung, die als ein Aspekt der allgemeinen Tendenz zur Mitte“ (eine persönliche Vermutung meinerseits [als Sekundärableitung von größeren Vermutungen großer Denker]) im menschlichen Sozialwesen angelegt zu sein scheint. wenn es keine Youth Bulges gibt, dürfte eine Gesellschaft mit etwas mehr oder etwas weniger Kindern unter Berücksichtigung der Ausgewogenheit meiner Vermutung nach stabil (Stabilität als Wert) zurechtkommen.

_________

* „Konservatives Wohlfahrtsmodell“: In der Einteilung nach Gøsta Esping-Andersen – mit Sozial-Versicherungsgedanke, Umlageverfahren und Generationentransfers

** Die kurzfristigen Rentenzahlungen können wohl heute praktisch (nominal-finanziell und als tatsächliche Dienstleistung) noch geleistet werden. Sowohl durch weitere Verschuldungsfähigkeit als auch durch heutige Wirtschaftsleistung. Die langfristigen Rentenzahlungen liegen außerhalb einer konkreteren Prognose. Hier kann man nur (im Hayek’schen Sinn) Muster erkennen und von gewissen Wahrscheinlichkeiten ausgehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es auch langfristig öffentliche Rentenkassen geben wird ist (aus politischen und soziologischen Gründen) hoch. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Rentenleistungen an (realem) Niveau verlieren ist zumindest nicht unwahrscheinlich. Trotzdem kann man Produktivitätssteigerungen, politische Veränderungen etc. nicht konkret vorhersagen und die langfristige Einschätzung der Entwicklung des Sozialsystems ist eine Frage der Entwicklung der Gesellschaft. Zur sozialstrukturellen Entwicklung gibt es interessante Ideen/Versuche von u.a. Norbert Bolz. Auch ich habe mir darüber schon Gedanken gemacht, das ist hier aber ein weiterführendes Thema.

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