Demokratie als Mittel (in mehrfachem Sinn)

Ein ausgewogenes Lob der repräsentativen Demokratie

Wir haben es mit und in der real existierenden Demokratie oft mit faulen Kompromissen zu tun – in der Tagespolitik und auch bei den längerfristigen/überparteilichen Institutionen. Aber diese faulen Kompromisse sind eventuell notwendig, um die diffundierte Massengesellschaft mit den widersprüchlichen und vielseitigen (in der Summe großen) Ansprüchen an den modernen Verteilungsstaat irgendwie aufrechterhalten zu können. Mindestens die Illusion der (relativen) Funktionalität und im Gesamten ein Mindestmaß an emotionaler Zufriedenheit müssen wohl erreicht werden, um eine Gesellschafts- und Herrschaftsform bestehen zu lassen.

Die vielseitige (und subjektivistisch betrachtet vielperspektivische) Gesellschaft wird dadurch von der Erodierung oder zumindest dem vollständigen Auseinanderdriften abgehalten. Positiv könnte man sagen: Davor bewahrt. Negativ interpretiert wäre z.B.: Von der “Revolution“ abgehalten.

Wenn diese These eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich feststellen bzw. besser: vermuten ließe und damit als Arbeits-/Praxisgrundlage praktisch anwendbar wäre, könnte das bedeuten:

Positiv ausgedrückt: Die Gesellschaft wird vor schnellen, (sozial und kulturell) überfordernden Umbrüchen geschützt. Die (mehr oder weniger als naturgegeben zu interpretierenden) ständig stattfindenden Veränderungen werden in eine feste, sich nicht so schnell ändernde Masse (in diesem Fall: in die repräsentative Demokratie als strukturierender- und postenverteilender Funktionärsstaat) eingebettet, und damit abgemildert: Ein Wohlfahrts- bzw. Bettungsstaat im erweiterten Sinne, eben nicht nur finanziell bzw. sozialpolitisch sondern auch kulturell etc.

Aus mancher anderen Sichtweise subjektiver Art könnte die prinzipiell gleiche Diagnose auch negativ interpretiert werden: Die Gesellschaft wird träge gemacht – träger als sie “ist“/sein könnte. Die repräsentative Demokratie von heute verhindert eine (aus jeweiliger ideologischer Perspektive vermeintlich „gute“) revolutionäre oder „nur“ strukturell reformerische Veränderung der Gesellschaft/des Staates etc.

Das “Korsett der lähmenden Bürgerlichkeit“ lässt auch die verschiedenen “Revolutionäre“ mit der Zeit „verbürgerlichen“ (–> Siehe z.B. die meisten „1968er“). Mit seiner funktional ausreichenden (den einen zu wenig, den anderen zu viel) Wohlfahrtsdosis wird die Demokratie aus dieser Sicht zur Struktur, die eine mögliche Revolution verhindert.

Ich persönlich glaube nicht, dass tiefgreifende Revolutionen, die den Menschen und seine sozialen Wechselwirkungen und Bedürfnisse ändern, möglich sind – außer vielleicht durch biologisch-technische Veränderung des Menschen an sich. Auch die Veränderbarkeit der Trägheit von Massen durch politische oder sonstige Ideale ist nach derzeitiger Einschätzung des Autors fraglich. Soziale Konstanten (so es sie denn gibt) gelten für Idealisten und Pragmatiker, und auf der höheren Ebene für Gesellschaften aller Art.

Ob eher positiv, oder eher negativ interpretiert: Demokratie wäre nach dieser oben geschilderten Perspektive ein (mittel)mäßigender Magnet gegen eruptive „revolutionäre“ Entwürfe.

Für philosophisches und konkret gelebtes Maß und Mitte müssen die Menschen aber trotzdem weiterhin selbst sorgen. In ihrem Umfeld – der sozialen Kleingruppen-Sphäre – tun sie das meist ganz „natürlich“. In größeren Zusammenhängen haben wir es wohl eher mit größeren, weniger konkret beeinflussbaren Wellen zu tun.

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