Im Ungefähren liegt die Stabilität

Für die Großgesellschaft ist das Ungefähre konstituierend. Aber auch für das Zusammenfinden von zueinander passenden Menschen in Kleingruppen kann das Ungefähre hilfreich sein. Das Ungefähre hier als: Die gleiche Wellenlänge, ohne gleiche Interessen oder konkrete Meinungen haben zu müssen.

Wenn man im Ungefähren bleibt ist man oft näher an der intersubjektiv erfahrbaren Wahrheit. Diese gemeinsame Wahrheit können wir möglicherweise trotz eines komplexen, auf Wechselwirkungen basierenden und sich in verschieden sozialen Ebenen abspielenden, Lebens (immer wieder und in mehr oder weniger großen Portionen) erfahren. In diesen erlebten Momenten besteht in solchen Fällen zwischen (wenigstens einigen) Menschen* eine gemeinsame Erfahrungsinterpretation (zumindest eine ähnliche/intersubjektiv verstandene Interpretation der Interpretation). Dann sind wir temporär konkret zusammen in einer praktisch erfahrenen Welt. Dies geschieht in der Regel nicht vollständig konstruiert (=umfassend geplant) und kann letztlich vermutlich auch nicht willkürlich (voraussetzungslos) konstruiert werden. Es kann wahrscheinlich maximal an unsere subjektiven Perspektiven angepasst werden.
Diese gemeinsame intersubjektive Welt(gemeinschaft) auf Zeit können wir eventuell bewusst herbeiführen, wenn wir unsere (nicht bewusst planbaren) subjektiven Erfahrungshorizonte kennen und mit diesen gemeinsame Erlebnisse schaffen. Meist wird es aber so sein, dass wir (bzw. unsere Horizonte) sich „zufällig“ (zumindest ungeplant) treffen, weil sich unsere subjektiven Perspektiven in einem Punkt/in einem „Raum“ in Zeit und Struktur treffen und überschneiden.

Das ist dann unsere gemeinsame Welt für einen Tag, eine Stunde, eine Weile. Pflegen wir diese kann eine Traditionswelt entstehen. Die Kleingruppe als verlässlicher Ort der Gemeinsamkeit, mit gemeinsamen Ritualen, Vorlieben, einen gemeinsamen Verständnis „der“/unserer Welt – und das, ohne immer einer Meinung sein zu müssen.

Den Kontakt mit der Großgesellschaft, mit „da draußen“, brauchen wir als Menschen gesellschaftsgegeben trotzdem. Aber eine Welt des Kleinen ist wichtig. Wir sollten daran arbeiten, mindestens eine davon zu haben.

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*Man kann ja den Hang dazu haben (ich vermute mal, viele Menschen haben diesen ab und an), dass wir uns doch alle „verstehen“ sollten
[oder auch „vertragen“ -> ein Ansatz zum vertragen ist (im doppeldeutigen Sinn) die „Vertragsgesellschaft“, die die klassischen Liberalen (John Locke und co.) entwickelt/gedacht haben. Diese hat sich zum Teil zumindest sehr kontruktiv und fruchtbar ausgewirkt, wenn sie auch nicht im Ideal verwirklich werden kann.]
Dass wir uns aber niemals alle über alles „verständigen“ werden können, sowohl weil wir aneinander vorbei reden, aus verschiedenen Perspektiven/Erfahrungen usw. heraus verschieden kommunizieren etc. ist wahrscheinlich. Dafür wurde und wird mit dem Vertrags-Ansatz ja gerade versucht, das Zusammenleben in der Großgesellschaft zu ordnen und halbwegs friedlich und stabil zu machen, ohne dass wir uns alle ständig über alles verständigen müssen. Das ist in einer pluralistischen Großgesellschaft auch weder machbar noch wünschenswert. Eine von manchen exzentrischen Ideologien auch heute noch (dies ist eventuell auf den auch heute noch existenten menschlichen Horden-Atavismus zurückzuführen, wie das u.a. Friedrich Hayek vermutet) gewollte totalitäre Vereinheitlichung der Lebens-Haltungen (Lebensstil, Ziele, Wünsche, Privatheit, etc.) ist nicht menschengemäß.

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