Reinheit und Gemischtheit

People need the cover of another perfect wonder
Where it’s so white as snow

Red Hot Chili Peppers – snow (hey oh)

 

Die Suche nach der Reinheit sorgt für gemischte Gefühle gegenüber der Realität (wie wir sie durch unsere Biographie sehen). Würde die Realität, die wir miteinander teilen*, reiner werden (vom Ballast der unverständlichen Gegensätze befreit) bzw. für uns gemeinsam verständlicher sein, wenn wir an Gemischtheit arbeiten würden?

Pure Phänomene (z.B. Ideologien des Zeitgeists) sind oftmals intensiv und kurz. Gemischte Dinge scheinen auf Längerfristigkeit „angelegt“ (eher nonintentional) zu sein. Oder andersherum: Werden soziale Phänomene (durch Abnahme ihrer Eindeutigkeit/Klarheit) gemischter und dadurch fähig, zur längerfristigen Struktur zu werden?
Klarheit -> Temporär oder geringe Masse. Gemischtheit -> Größeres Integrationspotenzial, längerfristigere Strukturbildung.

Die Reinheit (bzw. die Vorstellung davon) des Sturm und Drang (meist in den Jugendjahren anzutreffen) kann übergehen in den „Vormärz“ als ein verlängerter Wille zur Revolution. Ob der „März“ dann aber jemals kommt, und wenn ja, ob er den Vorstellungen der März-Befürworter entspricht, ist offen.
Revolutionär-dynamische Daseinszustände können u.a. in die Vernunftbezogenheit der Klassik oder den politikdistanzierten Genuss des Biedermeier übergehen. (Eine Art der) Romantik kann einen in allen Lebensaltern erwischen. Sie vermag zu bezaubern oder zu erschrecken (einen selbst und/oder die Mitmenschen). Der Barock repräsentiert und ist eine (wohl nicht die einzig mögliche) katholische Lebensweise: Der (als gegenseitige Ergänzung oder als Ursache/Folge denkbare) Dualismus von „Memento mori“ und „Carpe diem“ regt zum praktischen Genuss an, rät aber vom theoretischen Exzess ab. Das ‚Über die Stränge schlagen‘ bleibt durch das Schuldbewusstsein kontrolliert/diszipliniert und kann gleichzeitig als Teil des Ganzen interpretiert werden, den man gelegentlich praktiziert (als Teil der barocken Lebensart – im richtigen Verhältnis, das nicht immer leicht zu finden ist -> Beichte und Besserung). Beides zusammen ergibt eine Ausgewogenheit, die für die »(Kultur)Katholik« (vielleicht wichtigster) Ausdruck ist.

Die (als Kind ihrer Zeit, der damaligen Sozialsituation der betreffenden Gesellschaft[en], geborene) Aufklärung war (ungewollt) Bezugspunkt und Ausrede ([pseudo-]idealistischer Deckmantel) für Exzesse in Umbruchphasen (z.B. die ideologisch unterfütterte und übermalte Extremisierung der französischen Revolution). Sie war und ist aber der Ausdruck für neue Strukturen, die säkular-greifbaren Fortschritt (technisch, medizinisch, naturwissenschaftlich) erzeugten. Dieser Fortschritt muss nicht immer positiv sein/empfunden werden. Aber Aufklärung und Massenwirksamkeit verbreiterten (und können es in Form von [breiter oder fachspezifischer] Bildung heute noch) vermutlich das gesellschaftliche Potenzial zur Mitarbeit an diesem Fortschritt (eine quantitative Erhöhung der Beteiligten erhöht die Ergebnisvielfalt). Das »Aufgeklärte« sowohl als theoretisches Ideal, als auch als praktisch-humanistischer Realtypus (und nicht umgekehrt) zu pflegen, ist auch eine der Aufgaben gerade der Ausgewogenheit. Ohne theoretische Exzentrik auf Dauer keine praktische Stabilität. Ohne praktische Gemischtheit → keine dauerhafte Stabilität für (relative) theoretische Offenheit. Ohne (zumindest theoretische/abstrakte bzw. praktisch sich so auswirkende) theoretische Pluralität → keine Möglichkeit zur theoretischen Exzentrik, zum Denken wenigstens ansatzweise außerhalb der getrampelten Pfade. (Außer der formalen Exzentrik des Zeitgeistes am Anfang von Umbruchphasen. Dort wirkt das zeitgeistliche „Neue“ zuerst exzentrisch, weil es sich – als Avantgarde des Kommenden – von der bisherigen alten Struktur abhebt. Inhaltlich scheint es sich mir hier aber oft um eine Pseudo-Exzentrik zu handeln. Denn theoretisch wie praktisch betreiben die ‚Avantgarden‘ des Zeitgeistes [bewusst oder unbewusst] schlichtes, und heteronomes, pro-zyklisches [also alles andere als rebellisches] Reiten auf den gerade aktuellen Wellen des gesellschaftlichen Zustandes).

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* Die Welt(en), die wir teilen, hier vorgestellt als eine subjektive und eine intersubjektive Ebene: Wir leben gemeinsam in unserer inter-subjektiven Welt, ohne dass wir (mehr oder weniger genau) die selben Realitäten (bzw. Perspektiven auf die Welt) als von uns interpretierte Vorstellung im Kopf haben. Das ergibt Konflikte (wenn „Welten“/Interpretationen gegensätzlich aufeinander treffen) und bietet die Möglichkeit von Vielfalt und gegenseitiger Inspiration statt Monokultur. Wie weit dabei Vermischungen stattfinden können ist eine Frage. Zwei Phänomene sind dabei zivilisatorische Vorkommnisse: 1. Der Versuch des Verständnisses für die Perspektiven und Biographie des/r Anderen. 2. Die bewusst ausgehaltene Fremdheit der Massen bzw. der sich in großgesellschaftlichem Bereich anonym begegnenden Menschen (vgl. u.a. Armin Nassehi: Fremdheit als Ressource: http://www.uni-muenchen.de/aktuelles/publikationen/sciencecasts/fremdheit-ressource/index.html).

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