Privatheit – Entstehung und Gestaltung

Privatheita als Raum, der der Grund- und Metastruktur der Zeit unterliegt

Man könnte zunächst sagen: Die Größe/Ausdehnung des privaten Raumes ist eine politische Frage. Der Inhalt, die innere Ausgestaltung, dieses Privatraums ist aber Privatsache.

Aber: Auch die Frage, wie der private Raum innen ausgestaltet ist/wird, könnte grundsätzlich politischб sein oder kann zur politischen Frage werden. Dabei trifft der Wille zur politisch-rechtlich guten (normativ) Gestaltung des Privaten auf den konstitutiven Charakter der Privatheit als Schutzraum vor politischer Willkür.

Die Grenzpunkte, an denen das ‚Private‘ auf das ‚Öffentliche‘ trifft, sind sozial sichtbare/wirksame Ecken, um die es deshalb auch konkrete politische Debatten gibt (Wie weit geht das Öffentliche, wo beginnt das Private, etc.). Die Frage nach der Größe (dem Umfang) des Privatheitsraumes wirkt aber auch auf dessen Inhalt. Wenn aus dem privaten Handlungsraum Dinge entzogen (und dem Bereich der Öffentlichkeit unterstellt) werden oder wenn vormals öffentliche Dinge dem privaten Verantwortungsbereich zugemutet werden, ändert das auch den Charakter (den qualitativen Gehalt) des Innenbereiches des Privatheitsraums. Gleichzeitig ist aber etwas nur dann (dem Sinn nach) privat, wenn es einen Bereich darstellt, der nicht dem direkten politischen Befehl untersteht.

Die Grenzen des Privaten werden immer wieder von außen (vom Bereich der sozialen Gesamtheit ausgehend) verschoben. (Dies geschieht meist nicht bewusst/intentional geplant, sondern eher als Ausdruck von Veränderungen der gesellschaftlichen Situation [der Grundstruktur der jeweiligen Zeit]). Zeitlos feststehende Grenzen gibt es also diesbezüglich praktisch nichtц. Aber irgendwelche Grenzen muss wohl jede Variante des Gesellschaftsphänomens ‚Privatheit‘ aufweisen, um praktische Wirksamkeit zu erlangen. Denn zu jedem Raum gehören Unterscheidungslinien, durch die er seine soziale Existenz (Unterscheidbarkeit, Wahrnehmbarkeit) erhält. Unterscheidungslinien erlauben uns auch (zwischen verschiedenen Menschen, verschiedenen Sachen und Phänomenen) zu differenzieren. Dabei ist die Entscheidungsgrundlage für die jeweiligen Grenzziehungen vermutlich nicht unsere autonome Laune, sondern basiert (im individuellen- wie im Gruppen-Bereich) auf dem jeweiligen sozialen Kontext (also der Biografie [Herkunft, Sozialisation und Erfahrungen], der Position in und „gegenüber“ der Grundstruktur der Gesellschaft, und der dadurch/dort verorteten Perspektive).

Wie weit gehen die Sphären unseres Lebens – wer und was gehört zu unserer privaten Umgebung und gegenüber was wollen wir Distanz wahren? Das können wir nicht gänzlich individuell und autonom entscheiden. Aber durch die Existenz der Privatheit gibt es (immerhin) die Möglichkeit, eine Position (Nähe oder Distanz, etc.) einzunehmen. Diese Positionierung kann sogar (je nach dem wie groß der gegebene Spielraum ist, das ist eine weitere Frage) mehr oder weniger stark wechseln/verändert werden.
Privatheit kann (und muss) auch exkludieren (ohne Exklusion keine Inklusion – keine Unterscheidung). Dies ist die Grundlage der Differenzierung. Durch die menschliche Möglichkeit (Potenzial) der Differenzierung wiederum kann gegenseitiges Verständnisд (z.B. ‚Verstehen‘ über die technische ‚Erklärung‘ hinaus) gesucht (oder wenigstens pragmatisch konstruiert) werden. Wird die Privatheit auf Dinge übertragen, die manchem als ‚öffentlich‘ gelten, gibt es Spannungen. Gleich dem umgekehrten Fall, wenn (irgend eine Form der) Öffentlichkeit (von Akteuren bewusst betrieben oder als Folge sozialer Veränderungen) in den privaten Raum (abstrakt) und damit in private Bereiche (konkret) eindringt. Ob die jeweilige Raumveränderung als ‚gut‘ oder ’schlecht‘ interpretiert wird, ist eine Frage der theoretischen Perspektive und der praktischen Positionierung/Situation der betroffenen Menschen.

Im Zweifel für die Privatheit?

Das soziale Verständnis davon, was Privat(heit) ist, wird in der heutigen, abstrakt organisierten Gesellschaft (z.B. als Groß- oder Massengesellschaft zusammengefasst) auch durch das rechtliche Verständnis davon ausgedrückt. Das Recht konstituiert einen konkreten privaten Raum in positivistischer Form.
Geschriebenes und sittliches Recht grenzt aber nicht nur privat und öffentlich (etc.) voneinander ab. Das Menschenrecht und die (räumlich) als universell gültig verstandenen weiteren Rechte sollen auch im privaten Bereich des Lebens gelten. Mindestens insofern ist das Private auch politisch.

Aber auch hier ist wieder das Spannungsfeld: Auch ‚das Recht‘ (zumindest das Positive, letztlich aber auch unser Verständnis von Natur- oder Grundrechten) wird von der Sozialsituation bedingt. Auf dieser Grundlage/Einbettung wird es im politischen Diskurs gestaltet und interpretiert. Man könnte (wenn die Struktur und Organisation der Gesellschaft dazu passt, also die kulturellen Voraussetzungen dafür vorhanden sind) sagen: Was nicht strafrechtlich verboten ist, ist privat erlaubt. Restriktiv dagegengespiegelt wäre: Was nicht ausdrücklich erlaubt ist, gilt als verboten.

Allerdings bleibt es auch bei diesem Klärungsansatz dabei: Was rechtlich oder sittlich relevant (verboten, geduldet oder erwünscht) ist, ist wiederum (nach der Perspektive dieses Textes) eine Frage der Struktur (der gesellschaftlichen Situation und Grundstruktur, und als Ausdruck dessen des [un]bewussten Diskurses).

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a Privatheit hier gemeint als: Sowohl abstrakte Vorstellung (Jenseits der zeitlichen Gebundenheit), als auch als konkreter Realtypus (als Ausdruck der jeweiligen ‚Zeit‘ gesellschaftlich konstruiert).

б Hier ist auch die Frage, ob man von einem eher weiteren Politikverständnis (mit weitergehendem Anspruch oder Glauben an die Möglichkeiten des Politischen) oder ein eher engeres bzw. abgegrenzteres Politikverständnis hat. Das führt auch zu unterschiedlichen Abgrenzungs-Perspektiven und -Positionen auf die Trennung von Sphären (u.a. im Verständnis von Privatheit und Öffentlichem Bereich).

ц Keine zeitlos feststehenden/festlegbaren Grenzen zu haben, dürfte auch ein Charakteristikum sozialer Phänomene sein. Prägende Grundeigenschaften menschlichen (Sozial)Wesens (wie Status-Sucht/Suche oder Vergleichs-Abhängigkeit) dürften als Grundlage menschlicher Sozialkonstruktionen wiederum zu interpretieren sein.

д Wenn man sich auf großgesellschaftlicher Ebene befindet, kann Verständnis ‚freundliche Ignoranz‘ (Henryk M. Broder, Hamed Abdel-Samad) bzw. Toleranz der Fremdheit (Armin Nassehi) sein. In der Kleingruppen-Situation ist es wiederum das Wissen um die und den AndereN: Die Neugier auf die Elemente des Andersseins und die der Gleichheit beim anderen Menschen. Basierend auf dem Respekt vor seinen Grenzen. Denn nur, wenn Grenzen respektiert werden, können sie in gegenseitigem Verstehen (oder zumindest Vertrauen) geöffnet werden.

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