Glauben – konform versus konkret

Als beruhigend (oder auch als etwas anderes) kann man interpretieren, dass die ‚Mächtigen‘ gleichfalls menschlich sind, und daher auch – bezogen auf die Tiefenstrukturen und die räumlich-zeitlich Grundstruktur, in die wir alle eingebettet sind – nicht essentiell/originär mächtig (im Sinne z.B. der Machtbegriffskritik Hannah Arendts). Auch den jeweils gerade „Mächtigen“ ist es nicht möglich, tiefenstrukturelle Verhältnisse und Beziehungen, personelle Biographien und die gesellschaftlichen Grundstrukturen nach autonomem Willen zu gestalten. Bezogen auf die Tiefen- und Grund-Struktur(en) sind auch sie nicht zu mehr ‚Macht’/Potenz/Spielraum fähig, als sie dem Menschen allgemein gegeben ist. Selbst die nach sozialer Konstruktion, Rollenzuschreibung und Positionsverteilung „mächtigsten“ Frauen und Männer kochen strukturell mit Wasser – und zwar mit einem Wasser, das sie nicht selbst hergestellt haben.

Auch die Amtswalter der sozialhierarchischen Spitzenpositionen sind von ihrer Biographie konstituiert und getrieben, wie jeder andere Mensch. Als sozial rezipierte und kommunizierte (und immer auch potenziell im Zweifel stehende) „Mächtige“ sind sie von sozialer Anerkennung abhängig. (Prinzipiell gleich wie alle sozialen Wesen, aber als Spitzenpositionäre praktisch bzw. empfundenermaßen vielleicht noch mehr.)

Sinnstiftung geht heute nicht (mehr) nur über Arbeiten und Spenden (den protestantisch-puritanischen Weg). Aber der Kulturkatholizismus (den man perspektivisch u.a. folgendermaßen interpretieren kann: „Faulenze und beichte“) ‚ist‘ derzeit auch nicht Hochkonjunktur. Denn überall „soll“ (letztlich nonintentional, grundstrukturbedingt) der Mensch so vieles tun, um seiner eigenen Vorstellung, die nicht seine individuell-eigene sein kann, gerecht zu werden: Heute sind das u.a. die Vorstellungen von Fitness, Jugend-Symbolik, Kreativität, Erlebnis, Abenteuer, etc. So vieles „erleben“, dabei aber immer mit dem (oft oberflächlichen) Ideal der Balance (beim Essen, beim Sport, überall). Dabei „will“/muss der Mensch sich noch selbst Sinn stiften. Gott ist derzeit in der sozialen Kommunikation der „westlichen“ Welt(en) praktisch tot (also nicht Teil der aktuellen Symbolik). Da der Mensch aber unfähig zum Nichtglauben zu sein scheint, „sollen“ nun die (post-)modernen Götter die Massen integrieren: 1. In der inhaltlich agnostischen Gelassenheit der konformistischen Form: Die Massen stabilisieren. Das funktioniert meiner Vermutung nach in demographisch saturierten Gesellschaften meist recht gut. Speziell motivierte Ideologen haben aber öfters noch ein Sonderanliegen darüber hinaus: Nach ihren (mehr oder weniger umfangreichen) Vorstellungen sollen die Menschen (und nicht nur die ursprünglichen Jünger der Ersatzreligion): 2. Nicht nur ‚konformieren‘, sondern (mindestens teilweise) auch noch ‚überzeugt‘ sein. Das heißt, sie sollen den jeweils aktuellen Glauben nicht nur konform praktizieren bzw. sich in dessen Rahmen einrichten (wie es in allen Zeiten und Strukturen geschieht), sondern konkret verinnerlichen. Einen solchen diesartigen (und diesseitigen) Anspruch kann man aus der hier skizzierten Perspektive (bzw. mit dieser theoretischen Brille) immer wieder in und aus der Geschichte (heraus- oder hinein-)interpretieren: Der ideologisch überhöhte Anspruch an die scheinbare konkrete inhaltliche Bedeutung einer jeweiligen Ideologie bzw. Ersatzglaubenslehre.

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