Gleichgewicht und Ungleichgewicht

Alltagspsychologisch klingt ‚Gleichgewicht‘ gut. „Im Gleichgewicht sein“ erscheint vielen ein erstrebenswerter Zustand. Man könnte meinen, dass dieses Finden und Praktizieren des Gleichgewichts PhlegmatikerInnen vielleicht ‚besser‘ (also mit zur subjektiven Suche passenderem Ergebnis) gelingt, als ‚arbeits’affinen Menschen. Ich schätze aber (in subjektiver Perspektive), dass die Chancen auf Kongruenz zwischen Wunsch und Praxis bei beiden (idealtypisierten) menschlichen Varianten eine Frage der Perspektive ist. Gleichgewicht und Ungleichgewicht gehören dabei – ganz dem praktischen Dualismus der menschlichen Weltrezeption entsprechend – zusammen. Ohne Ungleichgewicht kein Gleichgewicht und umgekehrt. In einer bestimmten (hier skizzierten Weise) wirken diese beiden Phänomene jedoch auf verschiedene (theoretisch unterschiedene) menschliche Charakter unterschiedlich.

Die PhlegmatikerInnen finden Arbeit, und davon oftmals zu viel für ihren Geschmack. Obwohl sie es auch mehr oder weniger oft schaffen, ‚Arbeit‘ nicht zu konstruieren, stolpern sie immer wieder darüber. Arbeit im Sinne von Aufgaben, die sie, wenn sie unbedingt wären, das heißt nicht in sozialstrukturelle Situationen eingebunden, nicht machen würden. Menschen, die eher darin aufgehen, immer etwas zu tun zu haben, suchen im Unterschied dazu Arbeit. ‚Arbeit‘ wird von ihnen dabei nicht als Arbeit im Sinne der PhlegmatikerInnen konstruiert, wahrgenommen und kommuniziert. Die Arbeitsmenschen sind in der Regel* nicht zufrieden, wenn sich nach der einen getanen Arbeit nicht bald genung die Nächste auftut. Für phlegmatische Menschen (im Sinne dieses Textes) ist gerade die Straße der hintereinander und nebeneinander unfreiwillig gefundenen und sich aufdrängenden Arbeiten ein Stressfaktor. Sie suchen eher nach Rastplätzen und Ausfahrten, in denen sie temporär dem Weg beim Weg-sein (aber wohl niemals dessen Wegsein) beobachten können.

In der Biologie kann Gleichgewicht den Tod bedeuten bzw. charakterisieren. Auch in der Alltagspsychologie wird u.a. gesagt, dass ein Leben ohne Dynamik und Aufgaben wie „tot“ sei. Dem könnte vielleicht von beiden hier idealtypisierten Seiten empirisch ‚entsprochen‘ und subjektiv rechtgegeben werden, wenn man die Begriffe ‚Arbeit’/’Aufgabe(n)‘ und ‚Dynamik‘ entsprechend der unterscheidungsmöglichen Perspektiven anpasst bzw. unterschiedlich definiert. In idealtypisierter Weise dargestellt: Für den „dynamischen“, praktischen Arbeitsmenschen vergegenständlicht sich die Arbeit in der praktischen Betätigung. Für den „phlegmatischen“ Menschen liegt die Arbeit u.a. in der (auf anderer Ebene stattfindenden) Anforderung zur Verarbeitung und Einpassung der weltlichen Hektik in die Geruhsamkeit des gegebenen phlegmatischen Lebensrhytmusses. Musses denn so sein? könnte man sich fragen. Nach meiner derzeitigen Einschätzung (auf Basis von subjektiven, logischen und empirischen Eindrücken) ist in Theoretisierung und Praxis davon auszugehen (als vorläufige subjektive Prämisse), dass es so ist. Dieses „so ist es“ ist also dabei als eine gedankliche Referenzannahme gedacht, auf die man die zum Thema gehörende abstrakte und konkrete Beschäftigung bezieht. Das „so sein“ ist in diesem Fall gemeint als eine Formulierung ohne aktiv-normative und ohne subjektiv-moralische Wertung, also nicht als etwas, das so „sein solle“.

Beide Seiten sind also, gemäß der hier skizzierten Typi und Annahmen, mit Dynamik und Ruhe konfrontiert. Während beim Arbeitsmenschen die Ruhe als Zustands-Form bzw. Situation potenziell Unruhe auslöst, ist das „Ziel“ des und der PhlegmatikerIn die Verarbeitung der Hektik der Umwelt (im allgemeinen Sinne) zu Ruhe. Das Gleichgewicht des phlegmatischen Menschen besteht in der Ordnung der Unruhe und der Schaffung einer Oase der Ruhe. Diese bedarf aber, ähnlich eines Gartens (im Sinne aktiven Gärtnerns), durchaus auch der regelmäßigen Pflege. In der Arbeit zur temporären Erreichung dieses Zustandes liegt also die Dynamik der PhlegmatikerInnen. Für den „Ruhe-Typus“ bedeutet die erledigte ‚externe‘ Aufgabe eine temporäre Beruhigung. Die gleichzeitige und die aufeinander folgende Fülle von Aufgaben dieser Art ist hingegen für ihn und sie ein aktives und passives Unruhepotenzial. Diese Fülle der ‚externen‘ Aufgaben ist dem Wunsch des und der PhlegmatikerIn nach Ruhe und praktischem Abstand – und wenn er oder sie gleichzeitig aktiver Reflektierer ist dem Wunsch nach Reflexion und abstraktem Abstand ‚äußerlich‘. Dieser Wunsch nach praktischem und theoretischem Abstand ist dabei nicht der einzige, aber ein wichtiger Teil der Welt der PhlegmatikerInnen (im Sinne dieses Textes). Beim Menschen mit Arbeits(ideal)typus sorgt im Unterschied dazu das ‚Ungleichgewicht‘ des Vorhandenseins immer neuer anstehender Aufgaben in seiner Gesamtheit für Stabilität und innere Ruhe. Die Stabilität besteht in einer mehr oder weniger (aber möglichst) durchgehenden Aufgaben-Kette. Die jeweiligen Aufgaben und Arbeiten werden durch die sozialen Verhältnisse „angeboten“ bzw. als solche vom Arbeitsuchenden rezipiert. Für den „Unruhe-Typus“ ist die Wahrscheinlichkeit bzw. Erwartung einer anschließenden neuen ‚externen‘ Aufgabe die abstrakte Verkörperung der Ruhe. Umgekehrt ist für ihn das Erledigtsein einer Aufgabe eine potenzielle und latente „Gefahr“ bzw. der mögliche Herd konkreter Unruhe. In gewisser Weise ist der Arbeitsbegriff also für den Phlegmatiker (als Reflektierer) nach »Innen« gerichtet, als Arbeit (an) der inneren Verarbeitung des Äußeren (also eher von Außen nach Innen). Für den Arbeitstypus (als Macher) ist Arbeit die praktische Anwendung individuellen (biographisch bedingten) Potenzials in der Umwelt (also eher von Innen nach »Außen« als gedachte und motivierende Richtung). Trotzdem ist für beide Typi, trotz unterschiedlich interpretierbarer Antriebs-Richtung, die Wechselwirkung ein zentrales praktisches Phänomen. Ohne externe Aufgaben hätte der Phlegmatiker keinen Bezugspunkt für seine abstrakte Verarbeitung der Welt und der Macher keinen Antrieb ohne seine innere Struktur. Das könnte man, in einer eventuell nicht deckungsgleichen Anlehnung an u.a. Gadamer, als ‚Horizont-Überschneidung‚ bewertend formulieren.

Beide Typisierungen – PhlegmatikerIn und Praktischer Arbeitsmensch – ergänzen und widersprechen sich gleichzeitig, auch als Realtypen (also als praktisch interpretierbare und vorkommende Erscheinungen) und auch innerhalb von Individuen. Man könnte dabei zwischen zwei abstrakten Grundkreisen trennen, obwohl in der Praxis die Überschneidung und Vermischung der Aspekte gegeben ist: 1. Die „Macher“, 2. Die „Reflektierer“. Beide Aspekt (machen und reflektieren) sind strukturell und akteurbezogen relevant. Aber vor allem: Beides wird nicht in „freier“ Wahl durch einen Menschen gewählt, nach der Vorstellung: Heute bin ich Macher und morgen reflektiere ich. Es ist von der (sich im Laufe des Lebens heteronom [mehr oder weniger] quantitativ oder qualitativ verändernden) Biographie** eines Menschen bedingt, welche Bereiche stärker ausgeprägt sind (und welche stärker zur Ausformung kommen). In der abstrakt und theoretisch wahrnehmbaren/interpretierbaren sozialen Position (innerhalb der Gesamtheit der Strukturen bzw. sozialen Bereiche) und in der Rollenpraxis (der Wahrnehmung dieser Position) des Individuums drückt sich diese Biographie aus.

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* Ist das Feststellen bzw. Annehmen einer Regel schon ein Gleichgewicht, bzw. das menschliche Interpretieren einer Regel/Ordnung aus dem Chaos der Umwelt bereits ein Indiz für die (geistige) Existenz von Gleichgewicht?
** Die (soziale) Biographie eines Menschen ist in meiner derzeitigen Einschätzung bzw. interpretativen Definition dieses Begriffes: Die epigenetische Prägung plus die sozialstrukturelle Sozialisierung bzw. soziale Positionsgeschichte eines Menschen.

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