Regelmäßige Ausnüchterung

Regelmäßige Entladung der Aufklärung von ideologischer Aufladung, Instrumentalisierung und Verkrustung*

Ist es denn wirklich notwendig? Im Sinne der Notwendigkeit. Dass Rituale B auf Rituale A folgen, um wieder Rituale nach dem Schema A machen bzw. haben zu können? Die Eliten entschuldigen sich rituell für das, dass sie ihre Rolle ausgeübt haben, dafür dürfen sie noch eine Weile weiter die Elite-Positionen besetzen. Nur damit – wenn das Ritual gelingt – nicht gleich oder mittelfristig andere Akteure diese Elitenpositionen einnehmen und nach einem pathetischen „Alles wird anders“ wieder mit Ritual A beginnen?

Vielleicht ist es notwendig (strukturell bedingt und damit nicht willentlich an- und abzuschalten). Aber das Pathos, für dessen Varianten alle biologischen Geschlechter und alle sozial differenzierten Gender empfänglich sind, nervt manchmal sehr und sollte immer wieder säkularisiert, im Sinne von ausgenüchtert werden. Durch Abklärung, als Abrüstung der ideologischen etc. Aufgeladenheit. Nach meiner derzeitigen Vorstellung wäre das: Eine postmodernistische und gleichzeitig für kritisch-rationale Zugänge offene Abklärung als sich immer wieder durch verschiedene Perspektiven und Aktualisierungen selbst reflektierende Aufklärung. So weit das Ideal. Als ‚Realtypus‘ wäre meinem Geschmack (u.a. eine Stilfrage) nach vernünftiger, aber es wird immer beides (oder zumindest das letztere?) geben: Lieber noch aufgeklärter Konformismus als pseudorevolutionäre, ideologisch angemalte (oder in der Regel schlimmer: bewusst oder unbewusst ideologisch aufgeladene) Selbstdarstellung zum Zweck des Aufstiegs und Statusgewinns in der sozialen Großwelt. Mit den dazugehörigen Inszenierungsritualen und den (geschichtlich teilweise variierenden) instrumentalisierten Phrasen-Begriffen.

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* Verkrustung nicht als Begriff für alles Traditionelle, sondern für einen (teils als künstlich erzeugten, teils als strukturell interpretierbaren) Stillstand von Dingen (wie Idealen, Analysen, abstrakten Ideen etc.). Längerfristige Verkrustung tritt oftmals als autoritäre Aufrechterhaltung von Konstruktionen auf, die als „unhinterfragbar“ gelten sollen und aktiv bzw. passiv gegen Abweichung und Andersartigkeit „abgesichert“ werden.
Das Traditionelle (als emotional-psychologische Oase in der komplexen Welt) ist menschlich und es „abschaffen“ zu wollen wäre, wie eine Seite einer Medaille abzustreiten und damit vermutlich ein irreales Ideal. Das vom Traditionellen unabhängige Konservative (hier definiert als die Zurückhaltung in der absoluten Beurteilung von Dingen und bezüglich des stürmischen Gefühls des „auf der richtigen, wahren etc. Seite zu sein“) ist auch nicht die Quelle der Verkrustung, sondern eine (zunächst sozialanalytische und sozusagen technische) Herangehensweise (an Leben und Welt), die dem Postmodernismus nicht so unähnlich ist.  Die Entladung bzw. Ausnüchterung von aufgestauten Ideologien etc. benötigt entweder genügend strukturellen Druck (für eine strukturelle-punktualistische Entladung etc.)  oder – für eine Reflexion und Bearbeitung im Diskurs – eine grundsätzliche Offenheit für andersartige (abweichende, kritische, andersperspektivische allgemein) Beiträge und Positionen (und damit Erzählweisen und Blickwinkel etc.).
Hinterfragen, Reflektieren und Kritik wird sich vermutlich nicht als „permanente Revolution“ äußern bzw. so praktiziert werden können. Ein permanentes Anrennen gegen die eigene „träge/ruhige Seite“ (als Gegenextrem zum Stillstand) ist ebenfalls wohl irreal bzw. wäre schwer zu erzählen/konstruieren und als philosophische Selbst- und Fremd-Überforderung nicht fruchtbar.
Entladung und Ausnüchterung, Abklärung und (Wieder-)Aufklärung sind also Einrichtungen (bzw. Handlungen) gegen Verkrustung und gegen leeren Aktionismus** zugleich. Im Sinne u.a. eines positiven*** Postmodernismus [wie z.B. im „präzisen Postmodernismus“ von Wolfgang Welsch] und eines selbstreflexiven, also nicht-totalistischen bzw. nicht-(„wissenschafts“- oder sonstwie-)ideologischen Kritischen Rationalismus. Das Projekt der Synthese von Kritischem Rationalismus und eines bestimmten (aber trotzdem nicht verkrustet-bestimmbaren) Postmodernismus wäre sehr interessant. U.a. als Versuch eines „Postmodernismus ohne Postmoderne“, also die humanistischen Vorzüge der postmodernistischen Weltzugänge und kommunikativen Offenheit zu verbinden mit dem Rationalitätsideal des KR. Politiktheoretisch für mich auch angelegt im Konzept des Öffentlichen Raumes von Hannah Arendt: Ein symbolisch-kommunikativer Treffpunkt (sozusagem meta-physischer Raum) für viele Einzigartige.
** Leeren Aktionismus gibt es eigentlich nicht. Jedes menschliche Handeln bezüglich des Sozialen drückt etwas aus. Hier gemeint als „leer“ sind Aktionen dann, wenn sie auf die (zumindest so interpretierbare) Vielheit/Komplexität und die mögliche Ratlosigkeit gegenüber der Welt nicht mit einem ehrlichen Ausdrucksversuch dessen reagieren, sondern mit überspielender „Gewissheit“ und „Eindeutigkeit“ (von dazu verwendeten Ideologien), ohne aber strukturell oder psychologisch überzeugen zu können (sich und andere).
*** Ein „positiver“ Postmodernismus hier gemeint als Suche und Kommunikation (in einem weiteren Sinn), die versucht, sich grundsätzliche Offenheit (von abstrakt bis konkret) zu bewahren und die auch die eigene Trägheit des Denkens immer wieder durch den Prozess des (gedanklichen, abstrakten und konkreten) ‚Bewegens‘ „überwindet“ (nicht endgültig, sondern als immer wieder neu zu de-, re- und konstruieren). Ein Postmodernismus, der (u.a.?) aus a) Dekonstruktion und b) (Wieder-)Aufbau bzw. der Suche nach (frischen, besseren? – zumindest nicht etabliert-verkrusteten) Potenzialen (vor allem der Verbindung zwischen Menschen) sucht. Also auf der Suche nach, und mit der Sensibilität für, das Einzigartige und das Vielfältige. Das Vielfältige, im Gegensatz zur Vielheit (von allerlei Phänomenen), als ‚geteilte Einzigartigkeit‘, im Sinne Hannah Arendts. Neben der grundsätzlich für kritische postmodernistische Reflexion wichtigen Dekonstruktion sollte also auch das Element einer konstruktiven, Verbindungs-Potenziale inspirierenden Thematik gesucht und kommuniziert werden. Schöne, aufrechte (fast schon wahrhaftige) kleine Verbindungen [kleine Erzählungen etc.] sollten gesucht und normativ gepflegt werden. Gleichzeitig und grundsätzlich sollten – wie alles in einer postmodernistischen Herangehensweise – auch die schönsten Abstraktheiten,  nicht zum neuen Götzen gemacht werden (Konkretheiten, falls diese dafür längerfristig und tiefergehend geeignet wären, auch nicht. Aber die meisten ideologischen und sonstigen Projektionen sind logischerweise? abstrakter Art).

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One thought on “Regelmäßige Ausnüchterung

  1. […] Menschengemäßheit, entspricht (bzw. prozesshaft immer wieder zu entsprechen versucht – im Grundsatz die permanente (potenzielle) Dekonstruktion). Für eine Menschengemäßheit bedarf es u.a. der praktischen Wirksamkeit und für diese der […]

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