Potenzial der Horizonterweiterung durch Theorie und Praxis?

Auch wenn ich daran immer wieder nicht glauben kann. Und im Verlauf der (vielleicht vor allem am Alter, vielleicht auch mit an anderen Faktoren gelegenen) Lebensphasen-Distanz zum Sturm&Drang vermutlich immer weniger. Aber vielleicht kann der Mensch – ab und zu oder zeitpunktunabhängig potenziell – sich von sich (selbst und von abstrakten Vorstellungen von seinesgleichen etc.) transzendieren. Sich lösen von der eigenen Fixierung der (Selbst- und Sozialbezugs-)Verortung. Diese Selbst-, Umfelds- und abstrakte Sozial-Festlegung (Wie soll die Gesellschaft sein, wie „ist“ sie [meiner Interpretation nach] und wie positioniere ich mich dazu?) ist als sozialpsychologische Sicherheits- und Stabilitätsmaßnahme eine Basis menschlicher Sozialexistenz. Aber vielleicht geht theoretisch und/oder praktisch auch manchmal oder immer potenziell auch etwas hinaus.

(Sich und andere und anderes) Über die abgesicherte (Eigen- und Abstrakt-)Inszenierung in allen Lebensbereichen und sozialen Rollen hinaus-denken (oder gar -handeln?) – zumindest theoretisch eben. Oder ‚theorie-theoretisch‘: Auf Basis einer Theorie, die man in einer abgesicherten/routinierten Rolle (und aus dieser Perspektive heraus) entwickelt (hat) könnte eine Theorie entstehen, die darüber hinaus (z.B.) geht, schaut oder wirkt. Diese Theorie-Theorie oder -Praxis, die darüber hinaus geht, was bisher (perspektivisch) bekannt bzw. Routine war könnte eventuell durch abduktives Wegführen-lassen der Gedanken – und deren Wieder-Einführung in einen (dann vielleicht erweiterten subjektiven Horizont) geschehen. Ermöglicht durch z.B. Kontemplation, Meditation (nach Innen gehen) oder auch durch sozialwissenschaftliche und sozialbeobachtende Aktivität und sich auf das „Außen“ in offener Weise einlassen. Es gibt vielleicht viele Wege (zu) einer transzendierenden Kreativität. Hermeneutisches Wiederholen oder spontanes Gebären, existenzialistisches In-die-Welt-werfen. Theoretisch sind schon viele Wege bzw. meta-subjektive Hilfsmittel (mehr oder weniger weitgehend und konkret, in theoretischen Ansätzen, praktischen Beispielen und philosophischen „Reiseführern“) entworfen worden.

Vielleicht kann der Mensch nicht über sich hinaus. Der Gedanke an Transzendenz und Horizonterweiterung – jenseits des technischen Informations-Sammelns und An- und Zu-Ordnens – ist eine metaphysische (Meta-)Theorie. Vielleicht ist dies, wie die Analytische Philosophie zu argumentieren versucht, kein fruchtbarer Weg für das Philosophieren. Aber trotzdem oder entgegen dessen weist der Mensch das Potenzial dazu auf, sich Metaphysik und Erweiterung von Geist und Praxis vorstellen und zumindest ansatzweise in Worten an-denken und an-beschreiben zu können. (Auch) Das könnte unseren Rollen und deren innewohnendem Programm geschuldet sein – also innerhalb der Routine bzw. des bereits gegebenen angelegt sein und nur bei „Bedarf“, also bei Erfüllung bestimmter struktureller Bedingungen abgerufen werden. Auch das würde ein gewisses Potenzial des Menschen zeigen. Dann fehlte das intentionale Moment, der eigene Impuls. Das Potenzial wäre dann vollständig Teil der strukturellen Ebene und in seinem Erscheinen ausschließlich von der Erfüllung von bestimmten Zusammentreffen von Faktoren und struktureller Dispositionen abhängig/bedingt. Vielleicht beschreiben auch beide Perspektiven (eigener Anteil und intentionale Horizonterweiterung und strukturell bedingte Potenzial-Abrufung) das Selbe, nur aus verschiedenen Perspektiven bzw. mit verschiedenen Brillen nacherzählt. Die eine Version sozusagen etwas voluntaristischer, die Andere etwas „defätistisch“/“pessimistisch“(etc.)-strukturalistischer.

Auch wenn das Reflektieren über das menschliche Potenzial und über Möglichkeiten von dessen (theoretischer oder praktischer) Erweiterung selbst nur Teil des bereits vorhandenen gedanklichen Raumes sind: Vielleicht sind diese Bereiche des bereits (theoretisch, potenziell) Gegebenen – anschließend an Theorien der 1960er-Jahre – noch nicht erkundet. Auch das Brachland der bereits vorhandenen Gebiete – z.B. ungenutzte Fantasie, Talente, Ideen etc. – könnte ein großés Potenzial (einer Horizonterweiterung innerhalb des Gegebenen) darstellen, ohne dass elementar Neues geschaffen werden müsste. Z.B. als Heterotopie oder alternative Verknüpfung bekannter Elemente zu neuen Gebilden. „Let your spirit soar“ als Transzendierende Kreativität über das Bisherige hinaus oder als Bewusstseins-Erweiterung im Vorhandenen, aber bisher (so) nicht Genutzten.

Liegt schon ein Beweis für das Vorhandensein eines Potenzials darin, dass darüber geredet/geschrieben werden kann? In einer Verwendung der Formulierung von Wittgenstein: Man muss nicht schweigen, weil man darüber reden kann?
Aber ist die Möglichkeit zur Formulierung und die Möglichkeit zur Realisierung/Praktizierung bereits innerhalb einer Sphäre? [monistisch] Muss es also nur ausgeführt werden – und das scheitert dann an technischen Hindernissen (wie Geldmangel, Zeitgeist, Interessen etc.), aber nicht an grundsätzlichen Schranken zwischen Formulierbarkeit und Praktizierbarkeit?
Oder sind Formulierung von Dingen und Praktizierung von Dingen grundsätzlich erst Mal zwei Sphären, die immer zuerst verbunden werden (können) müssen, um praktische Wirksamkeit zu erlangen? [dualistisch]

Wird Glaube (an Säkulares oder Religiöses) dadurch „real“, dass man manche Glaubensvorstellungen intersubjektiv vermitteln kann, dass man also (zumindest über die rein subjektive Erfahrungswelt hinaus) zwischen Menschen – in Gruppen, aber sogar in der multi-perspektivischen anonymen Gesellschaft – darüber kommunizieren kann?* ‚Real‘ kann unterschiedlich definiert werden: U.a. in großer, ein-deutiger Definition als ‚Wahr‘. ‚Real‘ könnte auch definiert werden als etwas, was von einer gewissen Anzahl von Menschen (als Vorstellung, Idee etc.) geteilt wird, für die das Jeweilige dann ‚real‘ ist, in dem es in ihrer Vorstellung (und daraufhin auch möglicherweise wirksam in der sozialen Praxis) existiert. Grund-Bedingung für ein „Wahr“-sein des ‚Realen‘ wäre die Objektivität (bzw. zumindest nicht nur Inter-, sondern Meta-Subjektivität) bestimmter Dinge (als Faktoren für eine Realisierung) und deren metasubjektive Erfüllung. Grundbedingung des ‚Realseins‘ als intersubjektives Teilen von Vorstellungen wäre zunächst nur die Formulierbarkeit und damit Kommunizierbarkeit der Vorstellungen und potenziellen Lebens-, Gruppen- (bishin zu Gesellschafts-)Entwürfe. Nach manchen konstruktivistischen Perspektiven ist eine intersubjektive Variante des ‚Realen‘ ausreichend (oder sogar die einzig fruchtbare Ebene) für eine praktizierungsfähige und menschengemäße Sozialgestaltung.

Beide oben skizzierten Varianten des ‚Realen‘ sind formuliert worden und daher zumindest theoretisch in der Welt (ob in der monistischen Sphäre oder in einer der zwei dualistischen). Für einen postmodernistischen Humanismus stellt sich gegenüber beiden Varianten die Aufgabe, Monopolbildungen und Totalitätsansprüche zu verhindern. In der Objektivitäts-Variante (Suche nach „Wahrheit“) liegt zunächst größeres Diktaturpotenzial. Aber dafür gibt diese Definition den Kritischen Rationalismus der (bisherigen) Moderne nicht auf. Dieser Kritische Rationalismus ist einerseits ein Ideal (wie u.a. Willard van Orman Quine und Thomas S.Kuhn darlegten), aber andererseits auch eine praktisch wirksam gewordene Vorstellung. Diese hat, nach meiner Interpretation, (neben den schlechten Anwendungen der Wissenschaft) vielfach zu einer normativen Verbesserung der Lebensgestaltung vieler Menschen beigetragen.
Die konstruktivistische Variante von Realität (oder zumindest des ‚Realen‘) ist einerseits offener und dadurch weniger geeignet, als Ideologie und Deutungsmonopol instrumentalisiert zu werden. Andererseits kann in einem konstruktivistischen Ansatz zur Analyse der Welt(en) ein Aufgeben des Anspruchs (an sich und an die soziale Kommunikation) auf argumentative Auseinandersetzung liegen. So können gerade auch konstruktivistische Weltbilder – trotz der dort eigentlich logisch angelegten theoretischen Möglichkeit abweichender Konstruktionen und Lebensgestaltungen, also des Pluralismus – zur Herrschaft bzw. strukturell-autoritären Etablierung der Mehrheits-Konstruktion führen. In der Modellierung eines „Alles ist konstruiert“ liegt auch wiederum eine eigene Totalität – die des Unfassbaren, Ungreifbaren und damit der zunächst beliebigen Konstruierbarkeit sozialer Verhältnisse (Beliebig bis zur Etablierung einer bestimmten, eventuellen Mono-Konstruktion). Wenn aber etwas ungreifbar und damit auch unbegreifbar ist, geht die Welt hinter Errungenschaften der Aufklärung zurück. Das könnte man vielleicht auch mit Argumenten als das begrüßenswerte Verlassen eines Irrweges bezeichnen. Bei heutigem Stand der Grundstruktur unserer Gesellschaft (Technik, Kommunikationsformen, Vernetzung etc.) würde (und wird teilweise) das Vakuum fehlender Rationalität (im Sinne von überzeugenden vernünftigen Erklärungen) aber nach Ersetzung suchen. Diese Ersetzung würde eventuell eine Mono-Konstruktion übernehmen. In einer Welt auf Grundlage des Konstruktivismus wäre diese Mono-Struktur dann jedoch nicht mehr kritisch-rational bzw. auf bisher (zumindest immer wieder um im Ideal mögliche) Weise argumentativ angreifbar. Aus der zunächst vorhandenen Offenheit des konstruktivistischen Weltbildes würde dann eine Monokultur, die nicht mehr durch (bisherige aufklärerisch-moderne etc.) Rationalität in Frage gestellt werden könnte. Ohne das Ideal (der verschiedenen Formen) des Kritischen Rationalismus wäre die Kommunikation über die Lebenswelten der Menschen also vermutlich gefährdeter, Totalitäts-Charakter anzunehmen, bzw. eine (noch) stärkere Gouverne-Mentalität zu entwickeln als bisher (in der Realtypus Form der bisherigen Moderne, heute der in Frage stehenden Spätmoderne, deren Rettung oder Überwindung beides das Ziel einer postmodernistischen Philosophie sein könnte). Hingegen ist Kritischer Rationalismus auch keine Weltformel und, zumindest als potenziell produktive soziale Technik bzw. Herangehensweise, beschränkt auf die dafür zugänglichen Probleme/Themen. Damit kann – meiner derzeitigen Einschätzung nach – nicht die Gesamtheit der menschlichen Themen und Potenziale abgedeckt werden.

Auch Sinnsuche ist menschlich. Und bis jetzt ist der Atheismus nicht, wenn auch in wachsendem Maße, nicht allein tragfähig für die (spätmoderne?) Gesellschaft geworden. Technik- und Wissenschaftsglaube (als säkularer Ersatz für verlorene Jenseits-Vorstellbarkeit) haben ihren bisherigen Höhepunkt überschritten und sind (zumindest derzeit) nicht mehr alleine sinnstiftend. Die auf abstrakte Natur-Vorstellungen (jenseits der konkreten Lebenswelt von Pflanzen, Menschen und Tieren und deren wirksame Verbesserung und Pflege) gerichtete „Öko“-Religion ist derzeit im Zeitgeist und ein möglicher neue Götter-Ersatz bzw. Sinnstiftung. Diese vermag aber weder gesinnungs- noch verantwortungs-ethisch zu überzeugen.

In allen Varianten und Auslegungen von Realität und aktueller Zeit ([Spät-]Moderne oder bereits Postmoderne) besteht für einen postmodernistischen Humanismus (u.a.) die große Aufgabe (die evtl. zum Teil auch aus vielen kleinen Aufgaben besteht) der Erarbeitung einer philosophischen Grundlage, die den postmodernistischen Idealen der Offenheit und des Pluralismus, als Bedingungen einer Menschengemäßheit, entspricht (bzw. prozesshaft immer wieder zu entsprechen versucht – im Grundsatz die permanente (potenzielle) Dekonstruktion). Für eine Menschengemäßheit bedarf es u.a. der praktischen Wirksamkeit und für diese der Passfähigkeit zu den jeweiligen Strukturen der Zeit. Zur Analyse der Zeit sollte daher eine Offenheit in der Herangehensweise dauerhaft gewahrt werden. Deduktion, Induktion, quantitative und qualitative Forschungsmethoden, Hermeneutik, und alle anderen Mittel sind potenzielle Zugänge zu Erkenntnissen des Menschen über sich, andere und Anderes. Eine Synthese zwischen Kritischem Rationalismus und postmodernistischer Herangehensweise an Welterschließung und Welt(en)formulierung erscheint mir daher derzeit ein potenziell fruchtbares, wenn auch herausforderndes Unterfangen zu sein.

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* Ob man, wenn man mit einem anderen Menschen über seine innere Erfahrungswelt spricht, vom Selben redet ist letztlich nie ganz zu klären. Aber die Vorstellung, dass man das Gleiche gemeinsam teilt, kann durchaus zumindest gefühlsmäßig erzeugt werden/vorhanden sein.

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