Random-Philosophie

Ein entspannteres Leben durch das einem (entsprechend zu konstruierenden*) Zufallsgenerator Überlassen der Entscheidungen des Lebens?

Das Leben als Gesamtes kann als Zufallsgenerator (spiegelbildlich auch als Schicksals-Zuweiser) interpretiert werden. Existenzialistisch (formuliert) werden wir in die Welt geworfen. Dann ist da das Kontinuum zwischen Determinismus und intentionaler Kontingenz (als beliebig gestaltbare Unbestimmtheit). Zwischen diesen theoretischen Extremen ist die praktizierte Mitte des „Man kann manches (mehr oder weniger) machen, aber nicht alles (mehr oder weniger) kontrollieren bzw. vieles nicht vorhersehen.“

Auf all diese Unwägbarkeiten, und die Herausforderung damit umzugehen, könnte man mit der Abgabe der Entscheidungslast (die vielleicht sowieso nur strukturell determiniert oder sinnloser Zufall ist) an einen materialisierten Zufallsgenerator reagieren – und so das aktive Moment des ‚Gegen den Zufall- und/oder Schicksal-Arbeiten‘ aktiv aufgeben. Ein Paradox: Durch das Übertragen der Entscheidungen an eine selbstgebaute Maschine würde der Mensch das Schicksal „in die Hand“ nehmen – um es praktisch direkt wieder abzugeben. Der Mensch wäre dann der „Schöpfer“ der Maschine, der im Anschluss an seine Schöpfung nicht mehr eingreift bzw. auf den weiteren Verlauf (die Entscheidungen der „Maschine“) keinen Einfluss mehr hat.

Das bewusste, jedoch selbst auch wieder fatalistische, Nachvollziehen von Entscheidungen eines künstlich-aktiv gebauten „Entscheidungsapparates“ statt dem „Ausgeliefertsein“ an Schicksal und Zufall. [Ist das die Geschichte der Wissenschaft (anstelle des Glaubens) kurz und (zu) sachlich nacherzählt?]

Eine Entscheidungs-Maschine wäre im Prinzip ein Ausdruck des arbeitenden Menschen. Vielleicht sogar des wissenden Menschen, der um seine Begrenzungen weiß. Nicht jedoch des handelnden Menschen, der sich seinen Bedingungen stellt und seiner Einzigartigkeit und Vielfalt gerecht zu werden versucht, würde man in Anlehnung an Hannah Arendt vielleicht sagen.

Würde eine solche Apparatur die Entscheidungen nur simulieren (die der Mensch sowieso getroffen hätte – bzw. die Strukturen, das Schicksal, oder der Zufall für ihn)? Oder würde sie zu anderen Entscheidungen kommen als der Mensch, auch wenn dieser die Maschine gebaut und erstmalig programmiert hätte – also Ursprung des Apparates wäre?

Das Übertragen des Schicksals auf eine menschengemachte Maschine, die wiederum dann unabhängig vom Menschen Entscheidungen für den Menschen trifft – könnte man z.B. „Optimistischen Fatalismus“ nennen. Aber auch anders (Begriff und Vorstellung anders), z.B. Struktur-betonte Weltsicht und daraus Ableitung des Kleinen als Wichtig, aber des Großen als nicht vom Einzelnen bestimmbar. Einerseits auch wieder fatalistischer Anklang, aber eben im Positiven / Befreienden. Befreiend von der Idee, die Welt gestalten zu müssen, sich immer die großen Weltideologien und Ziele zu zermartern und abzumühen → just for the Frust. Konzentration auf die schönen Dinge, die einem passieren, die jedem passieren und nicht „gemacht“ werden (können/müssen). Eine Betonung des Kleinen, der individuell-sozialen Ebene des konkreten Handelns und der direkten Kommunikation (mit der dort potenziell vorhandenen Möglichkeit der [un]geplanten ‚Abweichung‘ im Einzelnen) gegenüber der auf der Makroebene interpretierbaren ‚Notwendigkeit‘ – deren Berechenbarkeit und Struktur-Verlässlichkeit sich durch die Statistik zeigen (bzw. so deuten) lässt [vergleiche u.a. Edlinger/Weiss: (Un)intelligent Design].

Anwendung könnte eine Zufallsgenerator, der (größere, kleinere, verschiedene oder alle) Entscheidungen für einen Menschen oder Gruppen trifft, in allen Bereichen des heutigen gesellschaftlichen Lebens finden. Von der Ökonomie über die Politik bis zur Kultur. Es ist viel „Zufall“ (im Sinne von Unvorhersehbarkeit) im Spiel des Lebens. Vielleicht würde ein bewusstes Übertragen der Auswahl aus diesem Zufall an eine selbst geschaffene Maschine dem Menschen Sicherheit verleihen. Und die Zeit, sich auf die Gestaltung der Dinge zu konzentrieren, die der Apparat für einen bereits entschieden hat. Eine Sorge weniger. Es könnte dann auch möglich sein, dass viele (bei der konformistischen Tendenz des Menschen auch annähernd alle) Leute eine solche Maschine benutzen. Die Maschinen müssten dafür vielleicht nur klug genug (programmiert oder lernfähig) sein, die Entscheidungen die sie den Menschen empfehlen, aufeinander abzustimmen. müsste man allerdings auch eine Verbindung zwischen den Maschinen untereinander – und damit zwischen den von diesen analysierten Leben der einzelnen Menschen – herstellen. Es könnte eine geplante (wissenschaftlich-technisch abgesicherte) Zufallsgesellschaft entstehen, die Sicherheit, Komplexitätsreduktion und gleichzeitig individuelle Abstimmung ermöglicht. Klingt nach den vielfach gehörten Anforderungen an eine aktuelle (z.B. als Spätmoderne oder Nach-Moderne benennbare [aber nicht mit dem Postmodernismus als theoretische Philosophie etc. zu verwechselnde]) Zeit (sei es z.B. als rekommodifizierende Vision einer Gesellschaft, in der die Menschen allseits in die neue Arbeitswelt integriert sind oder als Gesellschaft, in der alle Bereiche – zumindest oberflächlich – harmonieren). Eine schöne neue Welt (im fraglichen, aber vorstellbaren Sinn von Aldous Huxleys Vision)? Oder unrealistisch? Auf jeden Fall nicht im Sinne des Postmodernismus, der weder eine fehlerfreie Gesellschaft anstrebt noch eine durch Banalisierung oder Vereinfachung der Differenz erzeugte Harmonie. Vielfalt statt Einfalt der oberflächlichen vielen bunten Bilder. Trotzdem kein Plädoyer gegen die Buntheit des Lebens, auch nicht gegen die Oberfläche an sich. Nur sollte diese nicht das Einzige sein, sondern selbst nur Teil der Vielseitigkeit und eines der Möglichkeiten und nicht „die“ Möglichkeit. Die Bejahung und potenzielle Verneinung zugleich (und andersherum) ist eine Herausforderung des postmodernistischen Nach- und Zwischen-Denkens in der heutigen Zeit irgendwo zwischen Moderne und Nach-Moderne.

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* Dieser Zufallsgenerator – mit einem Arbeitstitel wie „Entscheidungshelfer 2000“ – könnte zum Beispiel „retro“ aussehen. Wie ein Großcomputer der 1960er-Jahre, der mit viel Krach und Blinklichtern am Ende einen Zettel auswirft, auf dem die Entscheidung getroffen ist. Er könnte natürlich auch technisch und designerisch aktuell aussehen, wenn man das bevorzugt.

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