Wertschätzung und Kritik der „Mitte“

Man könnte es makro-sozial (also abstrakt, nicht mikrosozial individuell) so zusammenfassen: Meist sind es (subjektiv angemessen oder übertrieben) unsicherheits-ängstliche oder orientierungssuchende Teile der Mittelschicht(en), welche die wirtschaftliche Basis ihres Wohlstandes „vergessen“ (vorübergehend bei Seite lassen) und auf der Sinn- und Sicherheits-Suche ihr „Heil“ in wellenartige Bewegungen* projizieren (oder tragfähig hineinkonstruieren – je nach Interpretation und Bewertung).

Das „Prekariat“ und die Vermögens-„Oberschicht“ haben hingegen oftmals einen teils entspannteren, teils illusionsloseren Blick auf die Gesellschaft.** Aber diese zwei (abstrakt konstruierten) Ränder-(bzw. Nicht-Mittel-)Gruppen (im technisch-sozialstrukturellen, nicht normativen Sinn) führen auch – im Unterschied zu den „Mittel“schichten – nicht die strukturelle Rolle aus, die Gesellschaft „zusammenzuhalten“. Die mittlere Schicht (in einem technischen Modell von Rändern und Mitte) ist sozusagen das Mittel einer Gesellschaft. (Ein Mittel der Stabilisierung, aber auch der Normierung etc..) Die Konstruktion (als unbewusstes oder bewusstes Handeln) und die hauptsächliche Repräsentation (als die praktische Ausführung und Personifizierung von strukturellen Bedingungen) von
Religion (derzeit: “Öko“-Abstraktions-Religion) als Sinnstiftung und
Ökonomie (als Grundlage)
ist (zumindest in einem „Mittelschichts-Land“ wie Deutschland) die “Aufgabe“ der Mittelschicht(en) [Eine einheitliche Mittelklasse bilden diese differenzierten Strukturen und Gruppen meiner Einschätzung nach (derzeit) nicht]. Strukturalistisch formuliert sind die Akteure (also die handelnden Menschen) der Mittelschichten die Merkmalsträger für die Grundstrukturen der Gesellschaft. Und wer zur Mittelschicht (als zusammengefasstes Abstraktum) gehört, ist bedingt (mit mehr oder weniger großem Abweichungspotenzial) durch die soziale Biographie und die strukturelle Rolle des Individuums und der kleinen, konkreten Gruppen (des praktischen Lebensumfelds) innerhalb der Strukturen (vom „Reich der Notwendigkeit“ -> den Makrostrukturen, bishin zu den darunter ausdifferenzierten Strukturierungen der Meso- und Mikro-Ebene).

‚Mitte‘ ist stabilisierend im Wischiwaschi, und durch das selbe (ihre bestimmte Unbestimmtheit) ist sie auch hemmend***. Sie hemmt sowohl subjektiv so empfundene „Exzesse“ wie auch „Fortschritte“. Im Positiven wie im Negativen ist die ominöse (und nie konkret greifbare bzw. klar definierbare) ‘Mitte‘ ein Anker in der Grundstruktur der abstrakten sozialen Gesamtheit (und ihrer konkreten Strukturierungen). Die Mitte ist ein selbst nicht in Reinform mögliches, sondern immer als Mischform vorliegendes – sozial wirksames – Abstraktum. Sie besteht aus einem (meist nicht bewusst ausgehandelten, sondern nonintentional strukturell averagierten) „Median“. Dieser setzt sich aus den strukturellen Schwerpunktverteilungen zusammen. Das unterschiedliche Gewicht einzelner Strukturelemente bewirkt, dass es sich eher um einen Median handelt, und nicht um ein (mathematisch egalitäres) arithmetisches Mittel. Innerhalb der Strukturen gibt es schwerere und leichtere bzw. quantitativ größere und kleinere Massen. Die ‚Mitte‘ stellt dabei die Achse dar (an und für sich weder des „Guten“ noch des „Bösen“). Sie ist als (meiner Wertung nach sozial wichtiges) Abstraktum aber nicht reiner bzw. herrschafts-technisch verwendbarer Durchschnitt [‚Mitte‘ also nicht als Schablone für eine vermeintlich „mittige“ Ideologie]. Weder eine solche (konstruierte) Berechen- und Instrumentalisierbarkeit, noch das Über-Betonen oder Alleinstehen einzelner Elemente  für sich, abstrakt herausgelöst aus den gesamten sozialen Strukturen [als Partikular-Ideologie etc.], werden der (Möglichkeit der) Vielfalt (als Potenzial der Kommunikation [Habermas u.a.], des Handelns [Arendt] oder der Abweichung [Foucault u.a.]) gerecht.

Arbeit als allein ausreichende Sinnstiftung?

Folgender Vorschlag von Karl Marx [in der „Kritik des Gothaer Programms“] kann (u.a.) als Konzept für eine Synthese von Religion und Arbeit interpretiert werden. Zitat:

„In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“

Die Vereinigung „geistiger Arbeit“ [worunter man auch die Konstruktion und Theoretisierung religiöser Abstraktheit verstehen kann] mit „körperlicher Arbeit“ [im Sinne praktischer Arbeit – die auch und heute mehr denn je auch geistige Arbeit ist – als der Grundlage des Wirtschaftens]. Heute trifft man öfters auf eine mehr oder weniger ausgeprägte hohe Wertzuweisung für die ‚Arbeit‘ als abstrakte Vorstellung und für deren soziale Rolle als solche (die je nach Wertung auch als Überhöhung interpretiert werden können). Die Wertschätzung der Arbeit als Abstraktum vereint viele kapitalistisch und sozialistisch orientierten Theorien und Interpretationen. Ob aber die Arbeit als solche oder die „überschüssige“ Zeit – die „Freizeit“ etc. – Religionsersatz (oder gar, als weitergehender Begriff: Sinnersatz) liefern können ist zumindest immer noch fraglich.

Vielleicht bringt ein postgesellschaftliches Zeitalter Entspannung durch Egalitarismus, aber vermutlich nicht. Denn eine (hierarchal und non-hierarchal [bzw. nur „weich“ hierarchal] interpretierbare) Posten- und Rollenverteilung (und damit u.a. Abstiegsängste und eine gewisse Unsicherheit) gibt es wohl in jeder Gesellschaft, in kleineren Gemeinschaften erst recht. Wäre ein Ende der Arbeitsteilung [wie teilweise von Marx vorgeschlagen bzw. skizziert] ein „Zurück in den Fortschritt“ (wenn denn überhaupt weitergehend [über das Kokettieren damit hinaus] möglich)?

Positiv erfreut mich dieses Abweichen bestimmter Menschen von der bisherigen Norm:
http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/aufstiegsverweigerer-karriere-gern-spaeter-11702125.html

Es ist jedoch möglich, dass solche emanzipatorisch-abweichenden Status-Ignoranz-Potenziale der Umbruchzeit geschuldet sind und dass diese nach Re-Etablierung neuer Grundstrukturen der Gesellschaft wieder dem Spiel von Aufstieg und Abstieg Platz machen.

Aber vielleicht gibt es die Möglichkeit für Heterotopien jenseits dieses „Rat race“ nach Positionen und Status. Wenn ja (bzw. wenn überhaupt potenziell), dann vermutlich aber nur für saturierte Gesellschaften, in denen die sozialen Posten nur verteilt bzw. weitergegeben werden (können). Wie lange dieser sozial befriedende Zustand der Saturiertheit (bei relativ guter medizinischer, wirtschaftlicher und sozialer Versorgung) in den (derzeit noch zwischen den verschiedenen sozialen Lebenssituationen umlage-wirtschafts-fähigen) Gesellschaften Europas so bleiben kann, ist offen. Mit steigender Überzahl an älteren Menschen „müssen“ auch die „Alten“ Innovationen liefern, sonst könnte Europa im Vergleich mit den innovationsdynamischen jüngeren Gesellschaften mittelfristig ins Hintertreffen geraten. Aber
1.: Vielleicht lässt es sich auch im Hintertreffen leben. Und
2.: Bei der derzeitigen Geburten- und Alters-Entwicklung werden auch die meisten anderen Regionen und Länder der Welt diese (befriedende und z.B. als postmodern zu chronologisierende) Altersentwicklung mittelfristig erreichen. Dann war Europa rückwirkend Vorreiter und kann daher auf größere Erfahrung im Umgang mit der neuen saturierten Gesellschaft zurückblicken. Bis zu dieser Angleichung der Alters-Verteilungs-Strukturen weltweit muss Europa vermutlich innovativ sein im Erhalt vieler wohlstands-gesellschaftlicher (öffentlich-rechtlich wie privatrechtlich organisierter) Einrichtungen.

Wenn die Alters-Verhältnis-Pyramide sich eventuell in einigen Jahrzehnten (auch) in Europa wieder einpendelt, weist der Kontinent vielleicht wieder ein anderes Verhältnis zwischen Jungen (die dann weiterhin wenig sind) und Älteren (die dann wieder weniger sind) auf. Ob es dann wieder ein Zurück zur (als Eigenschaft der „Moderne“ formulierbaren) Positions-Wettbewerbsgesellschaft gibt oder in dünner besiedelten Gesellschaften andere – „post-moderne“ – Formen erscheinen ist offen.

___
* „Bewegungen“ in Umbruchzeiten als Ausdruck sich bewegender Strukturen.
** Über die Randgruppen als Quelle der Abweichung schrieben unter anderem manche so genannten „Frühsozialisten“ und im 20. Jahrhundert (u.a.?) Herbert Marcuse und Michel Foucault.
*** Eine Interpretationsmöglichkeit einer hemmenden Seite der ‚Mitte‘ ist ihr Alternativen-absorbierender und -relativierender bzw. integrativer Charakter. Die Mitte als Masse mit großer Anziehungskraft, die Heterotopien (und gar Utopien) abstrakt (ideell, theoretisch) und praktisch (durch soziale Integration in die bestehende, etablierte Gesellschaftsform) ‚vereinnahmen‘ kann. Vgl. Theodor Adorno, Vereinnahmung.

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