Sophismus als kritischer Relativismus, der Übertreibungen relativiert

Der Sophismus relativiert und kritisiert die großen Konstruktionen: Die ethisch-philosophischen Versuche von klaren Orientierungen allgemein, besonders aber die ideologischen (bzw. zur Ideologie gewordenen) Versuche der Letztbestimmung der Dinge [siehe Reiner Vogels Kommentar]. Mit dieser behaupteten Letztbestimmung wurde und wird (auch heute noch, teils wegen der menschlichen Suche nach Letztbegründung auch im Praktischen, teils aus Status- und Macht-Gründen etc.) über die theoretische Philosophie und über den freiwilligen ethischen bis moralischen Vorschlag hinaus, eine “objektive Erkenntnis” für alle behauptet und dann autoritäre Vorschriften (teils weit) über das intersubjektive Maß hinaus “abgeleitet”.

In einer sophistischen Familie kann man in der Neuzeit vielleicht u.a. Max Stirner, den Grundansatz der Nihilisten, und heute die Postmodernisten und allgemein die (kritischen, nicht oberflächlich bleibenden) Relativisten [vgl. Wolfgang Welsch] sehen. Die frühen Sophisten waren (schon logisch von ihrem relativistischen Ansatz her) auch Anti-Elitisten und betonten gegenüber der Bildungselite der Antike den Gedanken sozusagen (meine Wortwahl) einer ‘Volks-Philosophie-Souveränität’ [so u.a. Daniel von Fromberg: „Demokratische Philosophen…“]. Sie hinterfragten auch die intellektuell und sozialstatuell ‘Größten’ ihrer Zeit und forderten eine Kritikmöglichkeit an allem, aber auch für alle. Entgegen u.a. (einer elitären Interpretation) der “Philosophenherrschaft” Platons. Die Sophisten verwendeten vermutlich (pragmatisch, aber auch untereinander unterschiedlich) sowohl einen instrumentellen Relativismus (als rhetorische Abwehr- und Angriffs-Waffe) als auch einen kritisch-reflektierten Relativismus: Als ihr Ansatz einer eigentlich-philosophischen Suche nach Weisheit, und nicht nur für den rhetorischen Sieg. Ein Relativismus, der grundsätzlich alle Konstruktionen kritisch hinterfragt – und damit auch die Eigene, der also nicht selbst zum Absolutismus (eines absolutistischen Relativismus) wird → eine dauerhafte Herausforderung für jeden ernsthaften Relativisten.

„Damit lässt sich kein Staat machen“ könnte man sagen. Das kann sein. Zumindest die Staaten der ‘Moderne’ basieren auf Absolutem* bzw. (gewissen, mehr oder weniger weitgehenden) Festlegungen. Auf absoluter – nicht Erkenntnis, aber – Setzung. Eine Art Positivismus, zu der Sophismus und andere Absolutheitskritik der Negativismus ist. Ob es einen postmodernistischen Staat geben kann (auf postmodernistischer Philosophie basierend, nicht nur als „postmodern“ im Sinne irgendeines rein zeitlich nach-modernen Nachfolgers des modernen Staates) ist fraglich. Aber ich halte den Sophismus und andere kritische Relativismen für wichtig für die Ausgewogenheit einer Gesellschaft, für die Kritik am jeweils (und allem) Etablierten und für die philosophische Gewaltenteilung – in Theorie und Praxis.

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* Die neuzeitlichen Staaten bildeten sich ja (im Mainstream und in der weiteren Entwicklung) aus dem ‘aufgeklärten Absolutismus’ heraus.

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