Von Innen nach Außen und dann Austausch

Nicht der Bezug auf sich selbst an sich, die Betonung des „Ich“* ist es, sondern die Gesellschaftssucht, die pausenlose und rückzugslose, bodenlose Abhängigkeit von gesellschaftlicher Bewertung und Be-Urteil-ung (als immer empfundene und neurotisch gesuchte, vermeintliche Lebensgrundlage) ist es, die Menschen krank, traurig und sich selbst gegenüber distanziert machen kann. Diesen Zustand gälte es, wenn man Ratgeber eines davon betroffenen Individuums wäre, vom Kopf auf die Füße zu stellen. Von der Gesellschafts-Oberflächen-Zentriertheit und dauerhaften Unzulänglichkeits-Empfindung zu einem seines selbst bewussten Individuum, das die ihn umgebende Gesellschaft und die Möglichkeiten (realtypischer wie auch alternativ und ideell möglicher Art) an-sehen und an-verstehen versuchen kann und sie sich zum Firmament macht, aus dem es wählen und das es (abstrakt die Großgesellschaft und konkret die Menschen, mit denen es sich umgibt) mitgestalten kann. Von der kleinen Gruppe und Horde der Vorzeit [der besonders spekulativen Historie], wurde diese Abhängigkeit übertragen und auf die abstrakt-anonyme und arbeitsteilig und generalisiert (Sozialstaat, Rechtsstaat) organisierte Gesellschaft übertragen – und dabei in vielen Fällen zur Neurose übersteigert bzw. auf andere Dinge als lebensnotwendige Nahrung und Sicherheit im Kampf gegen anderen Horden projiziert. Die (heutige) Gesellschaft ist selbst, wie alles Zusammenleben, ambivalent. Statt deren Vorteile nutzen zu können – zusammengefasst: Anonymität, geringere soziale Kontrolle, unnötig gewordene (trotzdem in vielen individual-fernen Gruppen weiter vorhandene) hordenspezifische Disziplinierung, Arbeits-Spezialisierung und theoretische Möglichkeit der Vielfalt – orientieren sich Menschen, die das gerade potenziell vielfältige Ich zugunsten eines Bildes von der Gesellschaft und ihrer (vermeintlichen und tatsächlich sanktionierten) imperativen Forderungen aufgegeben haben, an gesellschaftlich standardisierter Monokultur und den soziomental (teilweise selbst-)beschränkten Möglichkeiten von Standard-Konsum und geistig (intersubjektiv-intellektuell und fantasie-subjektiv) unnötig reduziertem Austausch. Die früheren konkreten Hordenformen waren (theoretisch) aus Zwangslagen entstandene Zweckgemeinschaften. In heutigen Gesellschaften lebende Menschen, die sich vom Ich entfernt haben, um anerkannter Teil eines imaginierten Abstrakten zu sein, das an einer konkreten Horde von damals orientiert (wohl meist unbewusst) ist, reduzieren in unnötiger Form und Intensität ihre individuellen Möglichkeiten und schaffen neue (jetzt meist gefühlte) Abhängigkeiten, welche selbsterkorenen Gruppenführern und Herrschaftsmenschen gerne ausnutzen. Solange dies ein relativ freiwilliges Win-Win-Spiel wäre – z.B. Orientierung und gefühlte Gemeinschaft gegen Unterordnung – wäre es ein Tausch, den jedes Individuum theoretisch frei sein sollte zu wählen. Aber wenn es zum dauerhaften Gefühl der Unzulänglichkeit und Lebens-Deformierung aus gesellschafts-urteils-abhängigen Gründen kommt, handelt es sich um die Ausbildung eines Leidens, das aus Selbstdistanzierung und unerfüllter Suche/Sucht kommt: Aus Anerkennungs-Suche, die – wenn sie voll auf die abstrakte Gesellschaft oder eine gruppische Horde projiziert wird – niemals über das kurzfristige Erleichterungsgefühl hinaus zufriedenstellen wird und das Individuum unnötigerweise (gerade in einer Gesellschaft mit Individualitätspotenzial, das oft nicht mal ernsthaft angegangen/ver- und gesucht wird) von sich selbst fernhält.

 

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* Wenn dann ein relativ weitgehend heteronom getriebenes, entäußertes, von Außen nach Innen gerichtetes (Schein-)“Ich“.

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