Absichtliches Nichtverstehen und ernsthafter Austausch

„[Hans] Alberts Strategie hingegen könnte ich in Symmetrie zum Vorwurf der Verdunklung als Dummstellen charakterisieren: Man will nicht verstehen, was der andere sagt. Diese Strategie, die den Gegner zwingen soll, die eigene Sprache anzunehmen, ist einige Jahrhunderte alt und seit den Tagen Bacons außerordentlich erfolgreich. (…) Das methodisch geübte Kannitverstan trocknet eine Diskussion aus, die sich schon im Umkreis eines gemeinsam vorausgesetzten Vorverständnisses immer bewegen muß. Auf diesem Wege fördert man allenfalls einen Ethnozentrismus wissenschaftlicher Subkulturen, der die Offenheit wissenschaftlicher Kritik zerstört.
In diesen Zusammenhang gehört der Vorwurf der Unverständlichkeit. Soweit er mich als empirisches Subjekt trifft, nehme ich ihn mir reuevoll zu Herzen; soweit er sich aber gegen eine Struktur des Sprechens und Denkens richtet, bedarf er der Erläuterung. Verstehen ist eine zweistellige Relation. Bei meiner Pflichtlektüre von scharfsinnigen positivistischen Untersuchungen habe ich die schmerzliche Erfahrung gemacht, vieles nicht oder nicht sogleich zu verstehen. Ich habe die Schwierigkeit meinen mangelhaften Lernprozessen zugerechnet und nicht der Unverständlichkeit der Texte. […]“

Auszug aus Jürgen Habermas (1969): Gegen einen positivistisch halbierten Rationalismus.
In: Adorno, Th. W.; Albert, H.; Dahrendorf, R.; Habermas, J.; Pilot, H.; Popper, K. R. (1969): Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Neuwied, Berlin.

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