Vernunftbasiert offene Wissenschaftstheorie, mit dem Beispiel zweier politik-theoretischer Perspektiven

Zwei politik-theoretische Perspektiven auf die heutige westlich(-europäisch)e Gesellschaftsform (die Grundkomposition, die in verschiedenen Varianten vorkommt).

Die erste Perspektive (Blankertz) eher spooner-isch* bottom-up: vom Individuum ausgehend auf zwei verschiedene Zusammenlebensformen gesehen.
Die zweite Perspektive (Furth) eher eine Analyse der Zusammensetzung der heutigen westlichen Gesellschaften mit Bezug zu den zwei politik-theoretisch teilweise konträren (auch intern teils sehr unterschiedlichen) Theoriegebäuden von Liberalismus und Sozialismus. Mit dem empirischen Auftreten von liberalistischen und sozialistischen Motiven, die in der (nicht für theoretische Stringenz bekannten) empirischen Welt teils parallel, teils interagierend existieren können. Und dies – so Furth – auch tun, weil sie zu (empirischen [widersprüchlich-existenten], nicht theoretisch-stringenten) Bausteinen** der heutigen gesellschaftlichen Strukturform geworden sind.

Beide Perspektiven arbeiten mit ihrer jeweiligen Bezugnahme zu verschiedenen Aspekten des Themas Politische Theorie(n) und ‚des Lebens allgemein‘. Sie arbeiten also verschiedene Aspekte einer Gesamtmenge von Aspekten/des ‚Gesamten‘ heraus. Das ‚Gesamte‘ als die Gesamtheit alles Seienden und Tuenden, des ‚Seins‘ (Natur; Institutionen; Strukturen; Akteure) und ‚Tuns‘ (teils Institutionen; Akteure). (In den zwei Beispiel-Texten von Blankertz und Furth fokussiert auf das politisch-gesellschaftliche Gebiet, aber – wie immer – mit empirisch-faktischen Verbindungen in alle anderen Lebensbereiche.)

Dieses Gesamte (als Gesamtmenge aller Einzeldinge und deren Wechselwirkungen) ist (aus meiner philosophischen Perspektive) nur, aber auch immerhin, in Aspekten (nicht in einer konkret fassbaren Gesamtheit) zugänglich. Es ist also eine abstrakte, als Ganzes nicht konkret bestimmbare, Gesamtheit. Wir können – (u.a.) kritisch-rational und poststruktural – epistemologisch und methodisch informiert, verschiedene Aspekte des ‚Gesamten‘ beschreiben. Dieses abstrakte Gesamte ist zusammengesetzt aus

– den Phänomenen. Gemeint als: alles, was uns als einzelnen Menschen entgegentritt;
ein Kontinuum von materiellen bis ideellen Dingen (mit dem Meisten als verschieden gewichtete Mischform, als ideelle Interpretationen des Materiellen u.a.); vorgefundene Gegebenheiten und mehr oder weniger änderbare Strukturierungen
– und der Vielzahl der Handlungen (Handlungen aller Individuen), in verschiedenen Strukturen und gegenüber dem Plural der Phänomene, in und gegenüber dem wir uns sehen und positionieren.

Dieser Plural ist komplex und widersprüchlich. Aber er ist auf Basis der Vernunft abstrakt-prinzipiell und konkret-idiografisch aufschließbar*** (er ist, aus philosophischer und sozialwissenschaftlicher Sicht, kein unerforschbares Mysterium). Die jeweiligen Ergebnisse dieser Aufschließung (aus verschiedenen Perspektiven) sind rational argumentativ debattierbar und, was einen (im weiten Sinne: empirischen) Kenntnisstand angeht auch kritisch-rational (also nicht gesamtheitlich, sondern in Aspekten; niemals abschließend, sondern immer offen für Verbesserungen etc.) bewertbar. Die Forschung kann dabei nicht auf einen Bereich beschränkt sein (z.B. auf Erklärung; auf einen Aspekt A von vielen; oder auf eine Daseins-Ebene X von mehreren), sondern muss für die verschiedenen Aspekte des ‚Gesamten‘ (im epistemologischen Sinn: kritisch-rational-)offen bleiben. Offen und kritisch-rational gehören hier zusammen.
Das heißt unter anderem, sich (forschungsweltbildlich, im einzelnen Forschungsfall-Fokus klarerweise schon möglich) nicht auf eine Bezugs-‚Ebene‘ (Systeme, Strukturen, Einzelfälle, individuelle oder gruppische menschliche Handlungen etc.) festzulegen. Sondern sowohl die Eigendynamik dieser verschiedenen Ebenen als auch deren Wechselwirkung, in der Grundmenge der potenziell zu berücksichtigenden – weil (und in so weit) rational belegbar vorhandenen und für den jeweiligen Fall einschlägigen – Phänomene zu behalten, auf welche im Forschungsfall Bezug genommen werden kann.

Hier nun die zwei politisch-theoretischen Perspektiven auf Entwicklung & Zustand der heutigen westlich(-europäisch)en Gesellschaft:

 

179 Die Individualisierung hat in wirkLicht:keit nicht stattgefunden. Die dekomponierten moralischen Regeln und die unmittelbaren gesellschaftlichen Kontrollen (z.B. durch die Nachbarschaft in der Dorfgemeinschaft) sind durch anonyme Strukturen, bürokratische Sachzwänge und institutionelle Mechanismen ersetzt worden, die sich wie ein Netzwerk über unser Leben legen und es gefangen halten. Daraus ergibt sich eine andere Perspektive für einen Ausweg: Er besteht nicht darin, zu einer Idylle traditioneller Geborgenheit – (die niemals wirkLicht:keit gewesen ist) – zurückzukehren, sondern die Befreiung des Individuums zu vollenden.

Aus: Stefan Blankertz – Die Katastrophe der Befreiung

 

Der Begriff »Massendemokratie« kennzeichnet die politische Gegenwart der westlichen Welt wie kein zweiter. Der Berliner Sozialphilosoph Peter Furth läßt keinen Zweifel daran, daß die Massendemokratie etwas grundsätzlich Neues ist, auch wenn »Masse« und »Demokratie« sehr vertraut klingen. In der Tat geht es um die alten Gegensätze der Politik und der politischen Theorie, um Masse und Individuum, Freiheit und Gleichheit, Bourgeois und Citoyen, Liberalismus und Sozialismus. Die überraschende Leistung der Massendemokratie besteht jedoch darin, diese Gegensatzpaare erstmals miteinander korreliert zu haben – mit teils überraschenden und paradoxen Folgen. […]

Beschreibung zum Buch: Peter Furth – Massendemokratie. Über den historischen Kompromiss zwischen Liberalismus und Sozialismus als Herrschaftsform.

 

___
* individual-anarchistische Perspektive von Lysander Spooner
** Hier u.a. die Frage, ob es die einzigen oder die Hauptbausteine der heutigen westlichen Gesellschaften sind, oder ob es weitere, schwächere, gleich starke oder stärkere (rekonstruktiv als solche bezeichnete) ‚Bausteine‘ gibt.
*** Was u.a. – vermutlich: in Aspekten, nicht allumfassend – als Erklären und Verstehen unterschieden werden kann.

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